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Interview: Perspektiven in der Logistik

Üble Vorstellung: die Fußball-WM ohne Ball, ohne Fans. Dank der Logistik zum Glück undenkbar.

Herr Professor Wimmer, was fasziniert Sie an der Logistik?
Die Inhalte sind total vielseitig: Von der Planung von Bedarfen – »Wie viele 1,6 Liter Dieselmotoren brauchen wir im September 2010 nach der Modellüberarbeitung?« – über die Zusteuerung frischer Ware in den Handel – »Wie schaffen wir es, dass im Juli alle Sorten Eiscreme in der Truhe sind?« – über gute Organisation – »Wie bringen wir in nur vier Stunden aus über 600.000 Varianten den richtigen Sitz in das richtige Auto?« – bis hin zur Perfektion – »Wie bringen wir Ersatzteile nach Singapur, damit das Flugzeug nicht am Boden bleiben muss?« Logistiker sorgen dafür, dass Montageteile verfügbar sind, Reisende ihre Ziele in aller Welt erreichen und dass die Brötchen morgens pünktlich und knusprig auf den Frühstückstisch kommen. Ohne Logistik wäre eine Fußball-WM nicht realisierbar und Menschen in Krisengebieten würden keine Hilfe von außen erhalten. Hier gibt es eine Vielzahl von Berufen, die täglich neue Herausforderungen bedeuten.

Welchen Herausforderungen muss sich die Logistik heute im Vergleich zu früher stellen?
Globalisierung, transparente Märkte, kürzere Produktlebenszyklen, sinkende Loyalität der Kunden. Unternehmen überwinden mit ihren Tätigkeiten nicht nur Ländergrenzen, sondern sind mit der ganzen Welt aktiv. Damit werden logistische Abläufe komplexer. Sie erfordern gute analytische Fähigkeiten, Entscheidungsfähigkeit und -freude, eine hohe interkulturelle Kompetenz einschließlich der notwendigen Sprachkenntnisse und Kommunikationsfähigkeit. Das alles war noch vor zehn bis zwanzig Jahren einfacher, es ging langsamer zu und die Informationstechnologie spielte eine kleinere Rolle.

Wo können Hochschulabsolventen einsteigen und welche Aufgaben können sie übernehmen?
Generell gesprochen geht es bei der Logistik immer um das Management von Schnittstellen. Das können die Übergänge zwischen Abteilungen innerhalb eines Unternehmens sein, das können aber auch zwei oder mehrere Unternehmen sein, deren Aktivitäten sinnvoll abgestimmt werden müssen, um die Supply Chain optimal funktionieren zu lassen. Logistiker kommen zum Einsatz in Industrie und Handel, bei Logistikdienstleistern und bei Beratungsunternehmen. Auch Laufbahnen in der Wissenschaft sind möglich, an Universitäten oder Fachhochschulen.

Welche Voraussetzungen brauche ich, um in der Logistik Fuß zu fassen?
Studienabschlüsse im Ingenieurwesen und in Betriebswirtschaft sind willkommen, nach Möglichkeit mit erkennbarem Schwerpunkt in der Logistik. Mittlerweile bietet eine ganze Reihe von Hochschulen auch spezielle Logistikabschlüsse an. Der Weg kann auch über eine Berufsausbildung, erste Berufserfahrung und dann Fortbildung im Sinne einer spezialisierten Fachschule führen. Aber auch wer sich für den akademischen Weg entscheidet, sollte schon vor oder während des Studiums bei vielfältigen Praktika den Berufsalltag kennenlernen und Kontakte zu Unternehmen knüpfen. Persönliche Voraussetzungen sind hohe Einsatzbereitschaft, Flexibilität und hohe Lernfähigkeit, Team- und Kommunikationsfähigkeit – und der Wille, die Prozesse, die man verantwortet, immer weiter zu verbessern.

Wie schätzen Sie den Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen ein?
Die Zahl der Logistik- Beschäftigten in Deutschland ist im Krisenjahr 2009 von rund 2,8 Millionen auf rund 2,7 Millionen Menschen zurückgegangen. Dieser sehr moderate Rückgang von nur 3,5 Prozent betraf dabei vor allem die gewerbliche Ebene und dort überwiegend die ‘ungelernten’ Arbeitskräfte. Im Bereich der qualifizierten Tätigkeiten ist der positive Trend ungebrochen. Logistik ist und bleibt ein Berufsfeld mit Zukunft für junge, leis tung sfähige Menschen, die an einer abwechslungsreichen Tätigkeit interessiert sind.

Was raten Sie Studenten, die sich für die Logistik interessieren?
Praktika, auf jeden Fall während des Studiums, aber auch schon in der Schulzeit, helfen immer, sich ein eigenes Bild zu machen und die Berufsentscheidung auf sichere Füße zu stellen. Informieren kann man sich auch bei den Logistikinitiativen, die es in vielen Bundesländern gibt, bei Job- und Karrierebörsen oder am Tag der Logistik, der das nächste Mal am 14. April 2011 an vielen Stand - orten in ganz Deutschland stattfindet. Wer sicher ist, dass es in Richtung Logistik gehen wird, der sollte sich im Studium spezialisieren und so künftigen Arbeitgebern sein ernsthaftes Interesse schon mit dem Lebenslauf oder dem Zeugnis signalisieren.

Wie sind Sie selbst auf den Geschmack gekommen?
Als im sechsten Semester meines Maschinenbaustudiums die Wahl der Spezialisierung anstand, stand ich vor der Alternative, den Rest meines Lebens Türschlösser für Automobile konstruieren zu müssen oder etwas richtig Spannendes zu machen. Die wissenschaftliche Disziplin Logistik war 1983 noch ziemlich neu und das dort angebotene Thema ‘Planung und Steuerung von Lager- und Transportsystemen’, in dem es vorrangig um fahrerlose, innerbetriebliche Transportsysteme ging, vereinte Organisation und Technik. Das hat mich fasziniert. Mit dem dort erworbenen Wissen habe ich sofort nach dem Studium eine Anstellung im damals größten Produktionswerk der BMW AG in Dingolfing gefunden.


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