Karriere im stationären Einzelhandel

Sie machen den Einkauf erst zum Erlebnis: kommunikative und rechenstarke Absolventen im stationären Einzelhandel

Kuscheltierfrosch fährt beladenen Einkaufswagen
Looking glass / Quelle: Flickr.com unter CC BY 2.0

Für die einen ist er nicht mehr als eine lästige Pflicht, der Einkauf. Weil es sich in Schuhen mit durchgelatschter Sohle nunmal nicht so gut läuft und der Kühlschrank nicht einfach vollgezaubert werden kann. Für die anderen hingegen ist Shopping ein fast sinnliches Erlebnis, das nicht schnell im Vorbeigehen erledigt, sondern lustvoll zelebriert wird. Manche stöbern stundenlang in Regalen und Auslagen, andere verlieren innerhalb weniger Sekunden die Geduld. Doch so verschieden die Geschmäcker auch sein mögen: Wer im Einzelhandel arbeitet, muss sich auf alle Kunden einstellen und ihnen den Einkauf so schön wie nur irgend möglich gestalten.

Der besondere Reiz des Einzelhandes

Das ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Aufgabe, aber eben auch der besondere Reiz der Branche. Ein Einkauf weckt Emotionen, vielleicht nicht unbedingt dort, wo es um Müllsäcke und Staubwedel geht, aber doch sehr ausgeprägt im Modebereich und »gerade im stationären Einzelhandel«, wo ebendiese Emotionen »täglich beim Kunden und auch bei den Mitarbeitern spürbar« sind. Sagt Anne Bouws, Abteilungsleiterin für Damenartikel im Weltstadthaus Essen des Modeunternehmens Peek & Cloppenburg (P&C).

»Mein Beruf ist sehr trendorientiert und am Puls der Zeit«, freut sich die 29-Jährige, die heute für die Warenbewirtschaftung, den Aufbau sowie Personal und Umsatz ›ihrer‹ Abteilung verantwortlich zeichnet.

Ihren Weg dorthin beschritt sie als Fashion-Management-Trainee (FMP). In drei Phasen lernte Bouws Einkauf, Verkauf und auch sonst alles Wichtige bei P&C kennen.

»Speziell die Personalverantwortung sowie die Personalführung habe ich erst im Beruf gelernt«, berichtet Bouws, die 2011 ein Masterstudium der BWL an der Uni Köln abschloss. »Vielfältig« sei ihr Fach, sagt Bouws rückblickend, und das Studium »eine sehr gute Grundlage für meinen jetzigen Beruf«.

Ähnlich sieht das Franziska Klever. Auch ihre Alma Mater ist die Uni Köln, auch sie studierte BWL, ein ›sehr vielseitiges‹ Fach, in dem sie 2011 ihr Diplom machte. Und auch Klever sagt: »Durch mein Studium habe ich umfangreiche theoretische Kenntnisse erworben, die ich heute in meiner täglichen Arbeit sehr gut nutzen kann. Die Überführung der Theorie in die Praxis ist aber etwas, das ich mir erst jetzt aneignen kann.« ›Jetzt‹ heißt in Klevers Fall: Als Supply Chain Managerin bei Edeka. Zwei Jahre liegen zwischen ihrem Abschluss und dem ›Jetzt‹, anderthalb Jahre davon durchlief Klever als Trainee die verschiedenen Bereiche der Edeka-Handelsgesellschaft. Im Großhandel, im Einzelhandel, in der Zentrale selbst und bei der Edeka-Tochter Netto Marken-Discount war die 27-Jährige im Einsatz ehe sie – wiederum in der Edeka-Zentrale in Hamburg – im Geschäftsbereich Logistik besagte Stelle annahm.

Dort beschäftigt sich Klever, und damit anders als die eher für den Verkauf zuständige Anne Bouws, mit »strategischen Logistikkonzepten für den gesamten Edeka-Verbund«. Schließlich ist Einzelhandel nicht nur das, was sich auf der Verkaufsfläche abspielt, irgendwie muss die Ware ja ins Regal kommen. Ihre Rolle dabei umschreibt Klever so: Sie und ihre Kollegen »untersuchen logistische Fragestellungen und geben Empfehlungen für den Ablauf logistischer Prozesse«. Auch die intensive Zusammenarbeit mit dem Wareneinkauf gehört dazu. Klever ist damit Überzeugungstäterin.

»Logistik ist sehr vielseitig, ist inzwischen für jeden Bereich von Bedeutung und hat großen Einfluss auf die Performance eines Unternehmens«, ist sie sich sicher. »Verfügen Unternehmen über eine gute und passende Logistikstruktur, so sind sie wettbewerbsfähiger und erfolgreicher.«

Dieser Bedeutung entsprechend geht es für Klever um mehr als nur den Transport eines bestimmten Gutes von A nach B. Es geht um Konzeption, Realisierung und die effiziente Steuerung eines mehrstufigen Logistiknetzes.

Schnelllebige Branche - Einzelhandel

So wie sie schon früh um die Bedeutung der Logistik wusste, war Klever übrigens auch klar, dass sie in den Lebensmittelhandel wollte. Vor allem wegen dessen Schnelllebigkeit. Felix Gunkel hingegen fand sein Glück im Sport. Seit Anfang Mai ist der 24-Jährige als Teamleiter Bergsport beim Sportartikelhändler Decathlon angestellt. Eine Stelle, wie für Gunkel geschaffen, denn: Er lebt Sport. Gunkel ist ehemaliger Leistungsschwimmer, engagierter Trainer – und Absolvent des Studiengangs Internationales Sportmanagement an der accadis Hochschule Bad Homburg, der ihn für seinen Job qualifizierte. Im Geschäft im hessischen Dreieich verantwortet Gunkel »ein Sportgeschäft im Sportgeschäft«.

»Ich bin verantwortlich für alles«, betont Gunkel.

Für die Bilanzen, für die Fläche, für das Personal. Knapp 1.000 m2 und ein elfköpfiges Team gilt es zu betreuen. Eine Menge Verantwortung, die Gunkel nach seinem Direkteinstieg übertragen wurde, doch genau das, sagt er, habe ihn von Decathlon überzeugt. Perspektivisch will Gunkel sich in eine Führungsposition hineinentwickeln, und dafür stehen die Chancen sehr gut. »Die meisten Führungskräfte sind ehemalige Teamleiter«, sagt Gunkel. In nicht allzu ferner Zukunft will er der nächste sein.

Franziska Klever freut sich derweil »auf die Herausforderungen der nächsten Jahre«. Der demografische Wandel gehört zu ihnen, aber auch Phänomene wie Landflucht und die Technisierung werden einen Einfluss haben. Auf den Lebensmittelhandel und seine Logistik, sicherlich aber auch auf die Modebranche, in der außer Anne Bouws auch Eileen Kock tätig ist. Seit dem Frühjahr dieses Jahres hat die 25-Jährige eine Stelle als Assistant Store Managerin bei s.Oliver inne. Für diese qualifizierte sie sich über ein Dualstudium an der LDT Nagold Akademie für Modemanagement, das neben Theorieblöcken auch Praxisphasen bei s.Oliver beinhaltete.

»Mein Duales Studium hätte mich durch den starken Praxisbezug nicht besser vorbereiten können«, versichert Kock.

Verglichen mit ihren beiden Vorrednerinnen war der Sprung von der eher theoretischen Uni in den Beruf deshalb auch ein etwas kleinerer. Direkt nach ihrem Abschluss trat sie ihre Stelle im s.Oliver Store in Hamburg-Altona an. Dort ist sie die Stellvertreterin des Store Managers. Sie unterstützt bei der Einstellung und Einarbeitung von Mitarbeitern, plant die Einsätze des 23-köpfigen Teams und hilft allgemein dabei, die Vorgaben der Unternehmenszentrale erfolgreich umzusetzen. »Dazu«, erläutert Kock, »gehören unter anderem die Warenbestückung, Warenpräsentation und das Erreichen von Teamzielen.« Zusammen mit zahlreichen administrativen Aufgaben, die ebenfalls anfallen – zumal für eine angehende Führungskraft – umreißen diese Punkte, was Kock für ein erfolgreiches Management des Stores in der Hansestadt zu leisten hat. Dies erfolgreich zu tun, empfindet sie als sehr reizvoll, »mit monatlich wechselnder Ware auf der Fläche zu sein und täglich die Kunden aufs Neue für s.Oliver zu begeistern« nicht weniger.

Stationärer Einzelhandel - wichtige Säule im Handel

Gerade der Kontakt ›auf der Fläche‹ ist der Grund, weshalb sich Kock übrigens einen Wechsel in den E-Commerce nicht vorstellen kann. Oder noch nicht. Im Moment jedenfalls ist ihr die persönliche Nähe zum Kunden zu wichtig, als dass sie ihn gegen »einen überwiegenden Schreibtischjob« eintauschen könnte. Anders ist das bei Anne Bouws, sie hält eine Tätigkeit im E-Commerce für alles andere als abwegig – erst recht, weil auch P&C in dieses Feld eintaucht. Insbesondere bezogen auf den Modesektor macht sich Bouws aber wenig Sorgen, dass der stationäre Einzelhandel einmal ausgedient haben könnte. Zu emotional geprägt und spontan erfolgen hier die Käufe. Deshalb, so Bouws’ tiefe Überzeugung, »wird der stationäre Einzelhandel auch in Zukunft eine wichtige Säule im Handel bleiben«.

Um in ihm erfolgreich zu sein, sollten Interessierte vorab Folgendes bedenken: Kein Blut sehen zu können, macht niemanden zum komischen Kauz, nur Chirurg sollte man mit dieser kleinen Schwäche vielleicht nicht werden. Und es ist recht und billig, mit Zahlen nicht so recht umgehen zu können oder Mathematik doof zu finden. Nur im Einzelhandel ist man dann im Zweifel eher falsch.

»Mode ist weit zahlen- und mathelastiger, als ich es mir vorgestellt hatte«, stellt Bouws klar.

Franziska Klever hat in ihrer täglichen Arbeit als Supply Chain Managerin ebenfalls »sehr viel mit Zahlen zu tun«, weshalb eine gewisse Freude am Umgang mit Ziffern, Gleichungen und Rechnungen eine der zentralen Voraussetzungen ihres Berufs sind. Und Zahlen sind nicht alles. Kommunikationsfähigkeit führt Eileen Kock  noch ins Feld, und: »Im Handel ist es besonders wichtig, Beratung und Service groß zu schreiben.« Um den einen ihre ausgedehnte Shoppingtour so schön, und den anderen ihre Pflichtkäufe so angenehm wie möglich zu machen.


Anzeige

Anzeige