Hand mit gestrickter Socke überzogen

Erotischer Vertrieb: Berufseinstieg in der Erotikbranche

Die Erotikbranche ist voll spannender Möglichkeiten für Wirtschaftswissenschaftler: Im Vertrieb kommt es vor allem auf Fingerspitzengefühl und Offenheit an

Rund 59 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer haben bereits einen Vibrator benutzt. Schätzungsweise haben sie sich diesen selbst gekauft, bestellt oder ihn von Freunden geschenkt bekommen. Begleitet von einem verschwörerischen Blinzeln oder verschmitzten Blick. Oder einfach so, ohne viel Bohei. Schließlich ist das Geschäft mit der Erotik heute auch nicht mehr das, was es einmal war. Viel selbstverständlicher ist es geworden, lockerer und auch aufgeklärter. Tupperabend war gestern. Heute schwebt eine ganze Armada an Dildo-Feen durch die Haushalte und verzaubert die zumeist weibliche Zuschauerschaft mit der Vorführung von Erotikspielzeug.

Vertrieb in der Erotikbranche bei Adultshop und Fun Factory

Nun, es ist nicht so, dass die Erotikbranche plötzlich neue Zielgruppen entdeckt hätte – sie bewegt sich lediglich mit einem umfangreicheren Angebot in Richtung Lifestyle – und untermauert das Ganze mit Qualität und Expertise. Diese Expertise kommt unter anderem von Karolin Lühr und Annika Scherer. Beide sind sie im Erotikbereich tätig – Lühr bei AdultShop, Scherer beim Sextoyproduzenten Fun Factory – und beide sind sich einig, dass es in ihren Berufen eines nie geben wird: Langeweile.

»Ich habe Aufgaben in den verschiedensten Bereichen und befasse mich beispielsweise an einem Tag mit Social Media, am nächsten Tag überlege ich mir Texte für unseren Online-Shop und dann wiederum steht die Optimierung von Werbemitteln im Mittelpunkt«, erklärt Lühr, die bei AdultShop aktuell als Werkstudentin am Projekt des Relaunchs des Online-Shops mitwirkt.

Ob Sexspielzeug, Dessous, erotische Literatur sowie Drogerieprodukte wie Kondome oder Gleitgele – die Produktpalette ist ebenso groß wie die Nachfrage. Diese kommt von vielen Seiten:

»Die Kunden lassen sich nicht kategorisieren – von der Hausfrau über den Handwerker bis hin zum Professor ist alles in sämtlichen Altersklassen vertreten. Dabei liegt der prozentuale Anteil männlicher Kunden etwas höher«, beschreibt Karolin Lühr.

Bei Fun Factory seien es hingegen mehr Frauen, wie Annika Scherer erklärt. Als Senior Sales Manager vertreibt die 33jährige die in Bremen hergestellten Sextoys der Fun Factory an den Einzelhandel beziehungsweise an Händler, die in der Regel eine oder mehrere Erotikboutiquen im stationären Handel oder online betreiben.

»Neben dem Vertrieb in unseren Flagshop-Stores gehören auch zahlreiche Geschenkboutiquen, Lingerie- und Wäschehändler, Drogerien und Apotheken zu unseren Kunden.«

Vertrieb: Sextoys oder Büromaterial? Eigentlich egal!

Es sei keine besondere Herausforderung, Vibratoren, Dildos oder Liebeskugeln zu vertreiben, fügt Scherer an. Schließlich mache es nach einigen Tagen keinen Unterschied mehr, ob man Sextoys oder Büromaterial verkauft: »Die Wichtigkeit, die die Produkte für eine frei und offen gelebte Sexualität haben, erleichtern mir die Verkaufsgespräche sogar.« Ihr ist aber bewusst, dass eine Tätigkeit im Erotiksektor ein besonderes Fingerspitzengefühl verlangt und vor allem im Umgang mit verschiedenen Kulturkreisen müssen Verkaufsargumente immer neu positioniert werden oder sind unterschiedliche Toys, Spielarten und Designs attraktiver als andere.

Auch für Karolin Lühr steht weniger die Erotik als die damit verbundenen Marketingaspekte im Fokus. Berührungsängste kennt sie dabei ebenso wenig wie ihr familiäres Umfeld:

»Meine Freunde zeigen starkes Interesse an meiner Arbeit und selbst meine Oma hat sich mit einem Schmunzeln für mich gefreut.«

Letztlich geht es auch in ihrem Job darum, den gestiegenen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Da jeder Kunde andere Vorlieben und Bedürfnisse habe, viele bei der ersten Kontaktaufnahme schüchtern oder aufgeregt seien, braucht Lühr viel Empathie, ein hohes Maß an Diskretion und die stete Bereitschaft für einen guten Kundenservice. 

Fingerspitzengefühl gefragt

Die Werkstudentin, die an der Universität Flensburg ihren Master in International Management Studies macht, braucht für ihre Tätigkeit nicht nur vielschichtige Soft Skills:

»Da wir ein Team von sechs Personen sind, das von externen Dienstleistern unterstützt wird, sind meine Aufgaben sehr vielfältig und weitreichend. Hauptsächlich bin ich im Marketing tätig und unterstütze unter anderem Aktionen in den Social-Media-Kanälen, verfasse Kategorie- und Produkttexte, überlege mir Anzeigen und bin für das Affiliate-Marketing mitverantwortlich. Natürlich springe ich auch als Hilfe für meine Kollegen in den unterschiedlichen Bereichen ein.«

Ebenso abwechslungsreich beschreibt Annika Scherer ihre tägliche Arbeit – auch wenn Telefonate und E-Mail-Kommunikation mit Vertriebspartnern einen großen Teil ihrer Zeit einnehmen. Schließlich müssen neue Produkte vorgestellt, Nachbestellungen sowie individuelle Aktionen geplant werden.

»Auch strategische Planungen zu Verkaufsprogrammen, Rabattaktionen oder Positionierungen der Marke gehören zu meinem Job. Neben der Produktion von sicheren Toys sehen wir auch einen wichtigen Beitrag darin, sexuelle Aufklärung zu leisten und Anregungen zu geben, die es dem Einzelnen erlauben seine Sexualität selbstbewusster und freier auszuleben.«

Die 33-Jährige erklärt, dass die Fun Factory in verschiedenen Projekten mit Experten aus der Gynäkologie, Geburtshilfe und Paarberatung zusammenarbeitet, um unter anderem Unsicherheiten zu beseitigen.

Eine Woche pro Monat ist die Senior Sales Managerin bei ihren Kunden vor Ort. Dieser direkte Kontakt erlaube es ihr, noch viel konkreter auf die Bedürfnisse zu reagieren und strategische Gespräche zu führen. Der Einstieg in den Vertrieb war eher Zufall. Eigentlich wollte Scherer Design studieren. Aufgrund einer Fernsehreportage über Produktdesign bei Fun Factory hat sie sich für ein studienvorbereitendes Praktikum beworben: »In den sechs Monaten habe ich bemerkt, dass mich der Vertrieb der Produkte und der direkte Kontakt zu den Kunden deutlich mehr reizte als der Designprozess.« Ob Design oder Vertrieb – letztlich sei ihr Einstieg in die Erotikbranche ein glücklicher Zufall für sie gewesen und die Arbeit eine Herzensangelegenheit.


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