Frau steht auf Feld mit Stromleitungen

Die Energiewende eröffnet Chancen für Absolventen

Besser vernetzt: Der Ökostrom-Anteil steigt und die Netze sollen ausgebaut werden. Doch wie schaffen wir die Wende und wer bezahlt?

Innerhalb von acht Jahren den Ökostrom-Anteil an der Stromproduktion auf mindestens 35 Prozent steigern?

Und bis zum Jahr 2050 sogar auf 80 Prozent? Die Pläne der Bundesregierung zur Energiewende sind ehrgeizig und stellen völlig neue Anforderungen an das Energiesystem in Deutschland. Um zukunftsfähig zu sein, müssen umweltverträgliche Energien Versorgungssicherheit bieten – das ist derzeit noch ein Knackpunkt: Laut einer Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) werden die erneuerbaren Energieträger im Jahr 2050 zwar über 80 Prozent des Stroms liefern, aber nur knapp 24 Prozent der gesicherten Leistung stellen. Der Leistung also, die zu jeder Zeit sicher zur Deckung der Nachfrage verfügbar ist. 

Ein weiteres energiepolitisches Ziel ist die Wirtschaftlichkeit

Experten wie Professor Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen hier noch zahlreiche Baustellen:

»Wir benötigen ein kluges Marktdesign, das ausreichend finanzielle Anreize für den Ausbau von erneuerbaren Energien, Gas-Kraft-Wärmekopplungsanlagen, Netzen und Speicher gibt.«

Zudem sollte man nach Einschätzung der Energieökonomin auch die Nachfrageseite in die Marktentwicklung einbeziehen. Nur als Beispiel: Bis zum Jahr 2020 könnte die Stromnachfrage um zehn Prozent und bis zum Jahr 2050 um 25 Prozent sinken – das geht aus einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) in Zusammenarbeit mit der HypoVereinsbank hervor. Mit einer deutlichen Abnahme der Nachfrage sei aber nur bei starken Preissteigerungen zu rechnen. Diese würde für Private und Unternehmen eine große Belastung darstellen und in der Industrie dafür sorgen, dass Standorte verlagert werden. Auch der Bereich Windenergie wirft finanzielle Fragen auf: Wenn laut Studie bisher erst knapp ein Prozent der für 2030 geplanten Offshore-Windenergie realisiert ist, wie teuer werden dann mögliche Brückenlösungen sein – etwa konventionelle Kraftwerke als Ersatz für die Kernenergie oder zusätzliche Gaskraftwerke zur Vermeidung von Blackouts? Und: Lohnen sich diese Investitionen überhaupt angesichts der Vorrangregelung für erneuerbare Energien?

Mit derartigen Fragestellungen und Zusammenhängen beschäftigen sich Energieökonomen

Zum Beispiel auf Seite der energiewirtschaftlichen Unternehmen selbst: »Hier werden sie in allen Teilen der Wertschöpfungskette eingesetzt – von der Erschließung von Energiequellen, der Wandlung in andere Energieformen und deren Zwischenspeicherung über den Transport und den Zwischenhandel bis hin zur Verteilung an den Endverbraucher«, sagt Gerd Hilligweg, Professor für Energieökonomie an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven.

Um den Ausbau und den Betrieb der Übertragungsnetze im Norden und Osten Deutschlands kümmert sich das Unternehmen 50Hertz. Derzeit nimmt es mehr als 35 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in sein Netz auf. Eine Herausforderung insofern, als die Netze in der Lage sein müssen, die natürlichen Schwankungen von Wind- und Solarkraft auszugleichen. Außerdem hat sich durch die steigende Zahl der Anlagenbetreiber die Einspeisestruktur in letzter Zeit schneller gewandelt als die Netze ausgebaut werden konnten. »All diese Handlungsfelder haben eine technische und eine wirtschaftliche Komponente«, sagt Ursula Lindemann, Personalverantwortliche für Personalbetreuung/Recruiting bei 50Hertz.

»Die Entwicklung effizienter Lösungen ist aufgrund der enorm hohen Kosten für uns sehr wichtig. Daher können wir gut ausgebildete Energieökonomen in vielen Unternehmensbereichen einsetzen.«

Als Projektcontroller begleiten diese etwa das Investitionsprogramm des Unternehmens oder gestalten die Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur mit. Ferner arbeiten sie an der Betreuung und Weiterentwicklung von Verträgen und der Ausgestaltung der Energiemärkte. Oder sie befassen sich im Front Office mit dem Handel an den Energiebörsen.

Manuel Glau ist nach einem Traineeprogramm im Bereich Energiewirtschaft heute als Referent für Risikosteuerung und Planung bei 50Hertz tätig. Er verantwortet die kosten- und mengenseitige Planung der Systemdienstleistungen und berichtet dem Management über aktuelle Marktentwicklungen und deren Auswirkungen. Um Risikobewertungen vornehmen zu können, analysiert er Daten und berechnet Szenarien. Dabei ist er fasziniert von der Tragweite, die die Tätigkeit in einem energiewirtschaftlichen Unternehmen hat:

»Die Geschwindigkeit, mit der energiepolitische Themen diskutiert, zerredet oder umgesetzt werden, war noch nie so rasant. Wir sind als einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland für die sichere Stromversorgung mitverantwortlich und gestalten die Energiemärkte aktiv mit.«

Wer etwa Baustoffe, Chemikalien oder Stahl produziert, braucht Energie. Viel Energie

Der effiziente Umgang damit ist also für die Industrie besonders wichtig. Bei ThyssenKrupp Steel Europe leitet Dr. Christoph Jansen den zentralen Energieeinkauf für sämtliche deutschen Standorte. Zu seinem Tagesgeschäft gehört es, die Beschaffungsstrategien für Strom und Erdgas weiterzuentwickeln. Preisbewegungen am Markt sind genau zu beobachten, um Energie zum richtigen Zeitpunkt möglichst preiswert einkaufen zu können. Bei einem der größten industriellen Energieverbraucher in Deutschland ist das eine Aufgabe mit hoher Budgetverantwortung. Der Investitionsbedarf, den die Energiewende mit sich bringt, ist enorm: Für den Ausbau erneuerbarer Energien, die Steigerung der Energieeffizienz, den Bau zusätzlicher Gaskraftwerke und den Netzausbau rechnet die KfW bis zum Jahr 2020 mit jährlich über 25 Milliarden Euro. Banken bieten entsprechende Finanzierungslösungen – und vielen Energieökonomen interessante Arbeitsfelder: Rudolf Jellinek, Leiter Führungskräfteberatung, Personalbetreuung und -rekrutierung bei der KfW in Frankfurt, nennt als Beispiele das inländische Fördergeschäft im wohnwirtschaftlichen, gewerblichen und kommunalen Bereich und die finanzielle Zusammenarbeit mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Projektfinanzierung kann ebenfalls ein Tätigkeitsbereich sein: Hiermit befasst sich Caspar Pleister bei der KfW-IPEX Bank. Als Vertragsmanager in der Geschäftssparte Energie und Umwelt betreut er Finanzierungen zum Bau von Windparks und hocheffizienten Gaskraftwerken. Hierzu muss auch er die aktuellen Entwicklungen des Marktumfeldes stets im Auge behalten. Der 30-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren dabei und mit den Themenfeldern der Energiewende eng vertraut: »Ich erlebe ganz unmittelbar, welche Herausforderungen es bei der Gestaltung eines zukünftigen Energiemixes gibt.«

Die Forschung braucht ebenfalls Wirtschaftswissenschaftler, die sich mit den ökonomischen und regulatorischen Konsequenzen der Energiewende befassen. In der Abteilung ›Energie, Verkehr, Umwelt‹ von Professor Claudia Kemfert am DIW geht es konkret um Fragestellungen wie: Welche Auswirkungen hat der Zubau erneuerbarer Energien auf den Strommarkt, auf die Strompreisbildung oder auf die Kraftwerksstruktur in Deutschland? Ihre Ergebnisse präsentieren Forscher im wissenschaftlichen Umfeld. Zudem erstellen sie Gutachten für Ministerien, sind in der Politikberatung aktiv und vermitteln ihr Wissen der Öffentlichkeit. Schließlich ist die Energiewende und deren Finanzierung ein Thema, das viele betrifft. 


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