Mann sieht durch vergoldeten Bilderrahmen hindurch

Bildungselite: Was versteht man unter Elite?

Wer gehört zur Elite: Der, der genügend Geld hat? Der, der die richtigen Eltern hat? Oder gar der, der die richtige Uni besucht? Wir nähern uns dem Thema 'Elite' an.

Wenn man als Journalist nicht weiß, wie man einen Artikel beginnen soll, sind die zahllosen Zitate-Seiten in diesem Internet immer eine prima Anlaufstelle, um mit einem schlauen Satz eines noch viel schlaueren Menschen zu beginnen. So ist es auch bei diesem Artikel, und der schlaue Satz lautet:

»Es ist immer die Leistung, die bestimmt, wer zur Elite zählt.«

Der schlaue Mensch zu diesem schlauen Satz ist der Philosoph Ludwig Marcuse und bereits seit 43 Jahren tot. Das ist dahingehend wichtig zu wissen, als dass dieser schlaue Satz zumindest heutzutage gar nicht schlau, sondern bestenfalls die halbe Wahrheit ist.

Definition: Was sind Eliten?

Ein Themenspecial zu Eliten, aus dem Lateinischen mit ›auslesen‹ zu übersetzen, zu machen heißt auch, erst ein mal zu definieren, was Eliten ausmacht. Eliten sind, so meinen diverse Lexika, etwas Besonderes, die sich vom Durchschnitt, von der Masse abheben – und man findet sie überall:

Nationalspieler gleich welcher Sportart sind eine Art Elite, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsbosse gemäß der ›sich von der Masse abheben‹-Definition auch und der Begriff Bildungselite hat sich schon vor langer Zeit im allgemeingültigen deutschen Sprachgebrauch eingenistet. Er beschreibt den Umstand, dass es – sehr einfach formuliert – bessere und schlechtere Schüler, Studenten und Absolventen gibt. Um diese Bildungselite soll es in unserem Special gehen.

Definition: Und was ist die Bildungselite?

Diese Bildungselite als bessere Schüler, Studenten und Absolventen zu klassifizieren – und Elitedenken geht immer einher mit Klassifizierung – mag redlich sein, schließlich gibt es Absolventen, die ihr Studium mit einer 1,0 abschließen, und es gibt jene, die sich zu einer 3,8 quälen.

  • Doch sind Noten die einzig zulässige Variable, um eine Bildungselite zu definieren?
  • Wohin packen wir dann all die Einser-Absolventen, die die Hochschule ihres Vertrauens vollbepackt mit Fachwissen verlassen, die aber kaum über Kompetenzen verfügen?
  • Die ihr Wissen nicht in den Alltag transferieren, es nicht weitergeben, nicht nutzen können?

Bildungselite trotz ungerechtem Zugang zur Bildung?

Und es gibt noch ein Problem bei der Definition von Bildungseliten: den zum Himmel schreienden, ungerechten Zugang zu Bildung in unserer sogenannten ›Bildungsrepublik‹, die Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht müde wird, bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit auszurufen. Doch was ist das für eine Bildungsrepublik, in der Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten einen vierfach geringeren Zugang zu Hochschulbildung haben als Kinder, deren Eltern selbst studiert haben?

Kann es eine Bildungselite in einem Land geben, in dem der Zugang zu Bildung derart ungleich, ungerecht und regelrecht verstörend peinlich für eine selbst ausgerufene ›Bildungsrepublik‹ ist? Mein Rechtsdozent hat mal den schönen Satz gesagt, dass der schlaueste Mathematiker aller Zeiten momentan vermutlich auf irgendeiner Baustelle dieser Welt einen Schubkarren vor sich herschiebt – schlicht aus dem Grund, weil er nicht aus einem Akademikerhaushalt kommt und sein Talent daher nie entdeckt und gefördert wurde.

Damit sind wir beim Zitat vom Anfang dieses Artikels. Es stimmt eben nicht, was Ludwig Marcuse postulierte, als er meinte, dass es immer die Leistung ist, die bestimmt, wer zur Elite zählt. Sozialer Status – auch und insbesondere der des Elternhauses –, eine gute Lehre, sicher auch Strebsamkeit, ein gewisses Talent und nicht zuletzt auch eine gute Portion Glück sind gleichfalls Parameter, die beeinflussen, wer ›Durchschnitt‹ und wer ›Elite‹ ist.

Was ist der Preis, um zur Bildungselite zu gehören?

Und dann ist da noch die Frage, ob man überhaupt zur sogenannten ›Bildungselite‹ zählen möchte, wenn man sich zwar dumm und dämlich verdient, aber kaum Freizeit und Privatleben hat, um das schöne Geld auch auszugeben. Insbesondere die momentane Studentengeneration – und nein, wir werden diese mit Sicherheit nicht mit dem Buchstaben zwischen X und Z benennen – zeichnet sich ja dadurch aus, dass ein sehr gutes Einkommen und damit verbunden eine überdurchschnittliche Arbeitszeit für sie weit weniger wert ist als Freundschaft, Familie, Hobbys, Privatleben.

Diese Haltung ist, wenn man so will, der Durchschnitt – und man traut sich kaum, dieses Wort zu schreiben, da es mittlerweile durch permanente Abnutzung einen negativen Touch erhalten hat, und das völlig zu unrecht. Nicht nur, weil der ›Durchschnitt‹ das Fundament einer jeden Gesellschaft ist, ohne den es gar keine ›Elite‹ gäbe. Durchschnitt heißt eben auch nicht graue Maus, sondern geht oft einher mit Zufriedenheit und Glück. Dinge, die andere Menschen, und das ist ebenfalls mehr als legitim, dann finden, wenn sie länger als acht Stunden arbeiten. Wenn sie sich nebenbei weiterbilden. Wenn sie permanent unterwegs sind. Und das als Zufriedenheit und Glück für sich persönlich bezeichnen.

Im Rahmen dieses Specials fragen wir bei Unternehmen und Hochschulen nach, was für sie ›Elite‹ ausmacht – und warum sie diese ausbilden und anwerben möchten.


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