Fraud Manager: Spürnasen gegen Wirtschaftskriminalität

Wirtschaftskriminalität verursacht jährlich einen Milliardenschaden. Fraud Manager klären auf und beugen vor. 

Enron ist, nein, Enron war ein Unternehmen, das zumindest in den USA in keiner BWL-Vorlesung fehlen darf. Enron, dieser einstmals riesige Energiekonzern, der sich wenig bescheiden selbst den Titel ›The World’s Greatest Company‹ gab, galt als Symbol der Wirtschaftsmacht USA. Mittlerweile ist Enron das bekannteste Beispiel dafür, wohin Wirtschaftskriminalität führen kann. Der Konzern ging insolvent, tausende Mitarbeiter verloren nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihre Betriebsrenten in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro. 500 Enron-Manager hingegen strichen kurz vor der Insolvenz noch kräftig Boni ein, teilweise im dreistelligen Millionenbereich.

Der Pleite vorausgegangen waren ausgeklügelte Methoden der Bilanzfälschung, die selbst so manchen Experten in ihrer Intensität überrascht haben. Gemündet hat das Enron-Desaster im Sarbanes-Oxley-Act, einem Gesetz, das die Berichterstattungspflichten von Unternehmen neu regelte. Und damit ein Berufsfeld nicht nur in den USA erstmals medienwirksam in den Mittelpunkt rückte, das auch in Deutschland nach und nach an Bedeutung gewinnt: das des Fraud Managements.

Was ist Fraud Management?

»Fraud Management ist die Gesamtheit aller Maßnahmen zur Prävention, Aufdeckung und Bearbeitung von wirtschaftskriminellen Sachverhalten«, erklärt Peter Zawilla.

 

Dazu zählen unter anderem:

  • Betrug
  • Geldwäsche
  • Korruption
  • Veruntreuung

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Die Arbeit eines Fraud Managers

Zawilla ist Geschäftsführer der FMS Fraud Management and Services GmbH, die ihre Kunden unter anderem bei der professionellen Aufarbeitung von wirtschaftskriminellen Sachverhalten, bei der Erstellung von Gefährdungsanalysen und bei der Entwicklung sowie Umsetzung von Schutzmaßnahmen zur Prävention von Schadensfällen unterstützt.

»Klienten kommen auf uns zu, wenn Auffälligkeiten oder Unregelmäßigkeiten durch eigene Mitarbeiter oder externe Partner bekanntwerden. Viele Unternehmen sehen inzwischen auch die Notwendigkeit, Präventionsmaßnahmen zu implementieren und ihre Mitarbeiter zu schulen«, berichtet Zawilla, für den die spannendsten Projekte jene sind, die sich um Organmitglieder aus Vorstand oder Geschäftsführung drehen.

Beispielhaft nennt Zawilla einen Fall, bei dem es um Untreue und Korruption durch ein Vorstandsmitglied im Zusammenhang mit einem komplexen Bauprojekt ging.

Warum wird Fraud Management immer wichtiger?

Doch warum wird das Untersuchen und Bekämpfen von Wirtschaftskriminalität immer wichtiger? Der Anteil von Delikten aus diesem Bereich an allen Kriminalfällen in Deutschland liegt zwar bei nur 1,7 Prozent. Diese 1,7 Prozent aber machen 55 Prozent des Gesamtschadensvolumens aller Straftaten aus, wie es aus dem Bundeskriminalamt heißt.

Mehr als 100.000 Fälle von Wirtschaftskriminalität werden jährlich registriert, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen: Viele Fälle werden nie aufgedeckt, einige Unternehmen verschweigen auffällige Wirtschaftskriminalität in ihrem Haus, weil sie negative Presse fürchten.

Einer Studie von PwC zufolge ist circa jedes zweite deutsche Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen, der Schaden für diese Unternehmen wird auf jährlich rund vier bis fünf Milliarden Euro beziffert. Gerade in den schwierigen Wirtschaftskrisejahren 2008 und 2009 nahm die Anzahl der Delikte zu. Peter

Wie wird man Fraud Manager?

Zawilla erkannte die zunehmende Bedeutung von Fraud Management frühzeitig und konzipierte mit seinem Geschäftspartner Hans-Willi Jackmuth 2009 einen Zertifikatsstudiengang ›Certified Fraud Manager‹.

»Wir hatten uns schon seit einigen Jahren mit strukturierten Schulungsmaßnahmen für Fraud Management beschäftigt und festgestellt, dass bis zu diesem Zeitpunkt nur sehr begrenzte systematische Ansätze für den Umgang mit Fraud in Unternehmen oder Tendenzen für ein einheitliches Berufsbild des Fraud Managers vorhanden waren«, erzählt Zawilla von den damaligen Beweggründen.

Noch heute haben nur wenige Unternehmen eigenständige Fraud-Abteilungen, die Aufgaben werden von der Internen Revision, Compliance oder der Security-Abteilung abgedeckt.

Zawilla und Jackmuth implementierten den Studiengang zunächst an der Frankfurt School of Finance & Management, mittlerweile sind sie aber auf der Suche nach einer weiteren Partnerhochschule, um den Studiengang auch andernorts anbieten zu können.

Fraud Management: Wirtschaftsprüfer übernehmen Aufgaben

Da viele Unternehmen noch nicht über Fraud-Abteilungen verfügen, besetzen momentan vor allem Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie PwC, Ernst & Young und Deloitte dieses Feld. Bei Deloitte heißt die dafür zuständige Abteilung ›Forensic & Dispute Services‹. Nana Lisa Heider arbeitet in dieser Geschäftssparte.

»Ich hatte gerade mit meinem Masterstudium begonnen, als mir ein Freund von der Forensic erzählt hat. Die nächsten Semesterferien habe ich für ein Praktikum in diesem Bereich genutzt und von da an stand für mich fest, dass ich nach Abschluss des Studiums in der Forensic arbeiten möchte«, berichtet die 30-Jährige.

Den Reiz ihrer Arbeit findet die Absolventin der Europauniversität Frankfurt/Oder und der ESCP-EAP zum einen im Thema Kriminalität, zum anderen »begegnen wir unseren Mandanten in Ausnahmesituationen, so dass die Projekte die volle Aufmerksamkeit der Aufsichtsräte und der Geschäftsführung haben«.

Fraud-Management: Teams aus Ökonomen, Informatikern und Juristen

Als Wirtschaftswissenschaftlerin ist Heider nur ein Teil des höchst interdisziplinären Teams. Zusammen mit Juristen dürfen vor allem IT-Experten nicht fehlen.

»Neben der Investigation und Prävention, bei der Fragestellungen auftauchen wie ›Wie könnte man einen Millionenbetrag möglichst schnell und unbemerkt aus dem Unternehmen schaffen?‹, spielt die IT-Kompetenz eine wesentliche Rolle. Diese reicht von Business Intelligence Services, die Hintergrundinformationen für laufende Investigation beisteuern, über die Aufgabe, potenzielle Führungskräfte unserer Mandanten unter die Lupe zu nehmen, bis hin zu unseren Data Analytics und Discovery-Experten, die beispielsweise gelöschte Daten wiederherstellen«, erklärt Heider.

Wie wird Wirtschaftskriminalität aufgedeckt?

Und wie kommt ein Projekt überhaupt ins Rollen? Heider klärt auf:

»Ein Klassiker ist immer noch das anonyme Hinweisschreiben. Das bringt jedes Unternehmen in einen Zwiespalt: Den Hinweisen muss nachgegangen werden, aber was ist, wenn ein Mitarbeiter zu Unrecht beschuldigt wird? Der Ruf des Beschuldigten ist ruiniert. Wir ermitteln oftmals unter Vorwand in den Unternehmen bis wir ausreichend Informationen gesammelt haben, um die Vorwürfe – auch gerichtsverwertbar – zu belegen oder zu entkräften.«

Zum Schluss hat Heider noch die zwei wesentlichsten Präventionstipps parat: »Hilfreich sind das Vier-Augen-Prinzip und und die Trennung von Funktionen innerhalb eines Unternehmens.« Dinge, die auch der Sarbanes-Oxley-Act regelt.

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