Peter Bofinger

Interview mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger

Als Wirtschaftsweiser ist Peter Bofinger im Olymp der Ökonomen angekommen – auf seine Meinung hört die Nation. Aber: »Merkel ruft nicht an«

Was zeichnet uns Deutsche im Umgang mit Geld aus?
Der Deutsche an sich versucht, sein Geld zusammen zu halten. Im Vergleich zu Amerikanern konsumieren wir wenig. Das Bild der sparsamen schwäbischen Hausfrau gilt also für ganz Deutschland.

Sie sagten mal, dass die Deutschen gerne jammern und klagen …
Wir haben schon die Tendenz, alles schlecht zu sehen. Dann gibt es aber wieder Phasen, in denen ein seltsamer Überschwang herrscht. Unsere Grundhaltung schwankt also zwischen depressiv und manisch. Im Moment befinden wir uns in einer manischen Phase: Frau Merkel sagt, dass sich alle Länder so verhalten sollen wie wir und die Welt sei gerettet.

Also ist der Wirtschaftsaufschwung, von dem aktuell die Rede ist, gar nicht da?
Der ist schon da, allerdings hatten wir 2009 auch den stärksten Abschwung. Da ist Herr Brüderle auch nicht durch die Welt gezogen und hat gesagt: »Wir haben einen XXL-Abschwung«. Unser auf Export ausgerichtetes Wirtschaftsmodell ist zur Zeit erfolgreich, weil andere Staaten hohe Schulden angehäuft haben. Hätten sich alle so verhalten wie wir und wenig konsumiert, wäre die Lage anders.

Haben wir denn nichts aus der Krise gelernt?
Die Regierung erkennt momentan nicht, dass der Aufschwung auf einer öffentlichen Verschuldung basiert und somit nicht stabil ist.

Was raten Sie also der Regierung?
Deutschland sollte die südlichen EU-Staaten wie Spanien mit Geld aus dem Rettungsfonds unterstützen, aber nicht unter Auflagen hoher Zinsaufschläge – das würden die Länder nicht überstehen. Zudem müssen hierzulande die öffentlichen Investitionen erhöht werden.

Zum Beispiel in Bildung?
Das ist ein Absurdum: Alle klagen über den Fachkräftemangel, aber niemand steckt Geld in Bildung. Hier ist das Leitbild der schwäbischen Hausfrau im Weg. Man sollte sich aber an der schwäbischen Unternehmerin orientieren, die für gute Investitionen Geld in die Hand nimmt.

Trotz Aufschwung sind Absolventen bestimmter Fächer immer noch mit Dauerpraktika oder Lohnausbeutung konfrontiert.
Der Arbeitsmarkt ist aktuell stabil, gerade für Akademiker. Je nach Fachrichtung sind die Berufsaussichten aber sehr unterschiedlich. Ich denke, das weiß man auch, wenn man sich etwa für ein geisteswissenschaftliches Fach entscheidet.

Sie sind seit 2004 Wirtschaftsweiser und beraten die Regierung. Wie gelangt man in diese Position?
Ich war bereits mit 23 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stab der ›Wirtschaftsweisen‹. Ich fand es da sehr anregend und habe dementsprechend darauf hingearbeitet, Professor für Volkswirtschaftslehre zu werden. Als Wirtschaftsweiser sollte man nicht zu sehr in seinem wissenschaftlichen Elfenbeinturm sitzen, sondern sich mit wirtschaftsrelevanten Fragen auseinander setzen. Vom formalen Ablauf her sucht die Bundesregierung die Mitglieder aus und der Bundespräsident ernennt sie.

Die F.A.Z. bezeichnete Sie als ›streitlustigen Sunnyboy‹. Passt das?
Ich bin kein Streithammel, aber ich habe Spaß an ökonomischen Kontroversen. Insofern finde ich die Bezeichnung o.k., besser als ›dröger Melancholiker‹.

Ruft Sie die Kanzlerin manchmal an und fragt um Rat?
Leider ruft mich Frau Merkel nicht an.

Wer denn?
Ich habe gute Kontakte zur SPD.

Guten Kontakt haben Sie als Professor bestimmt auch zu Ihren Studenten. Wie sehen Sie die heutige Studentengeneration?
Studenten sind heute leistungsbereiter, als wir es damals waren. Bei uns in den 1970er war das eher kuschelig, es reichte für die meisten, dass man vor sich hin studiert. Allerdings sollten Studenten heute mehr hinterfragen und nicht immer denken, dass man zu blöd ist, wenn man etwas nicht versteht.

 


Peter Bofinger studierte von 1973 bis 1978 VWL an der Universität des Saarlandes. Danach war er unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stab des Sachverständigenrates. Seit 1991 ist er an der Universität Würzburg Professor am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre. 2004 wurde der heute 56-Jährige zum Wirtschaftsweisen berufen.


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