Kulturbranche: Wirtschaftswissenschaftler in der Kultur

Der Kultursektor in Deutschland boomt. Das liegt nicht nur an den genialen Künstlern dieses Landes, sondern auch an Wirtschaftswissenschaftlern, die hinter den Kulissen darauf achten, dass Kreativität und Ökonomie miteinander im Einklang sind.

Ob Kino, Theater, Konzert oder Ausstellung – im Land der Dichter und Denker wird Kulturkonsum wieder groß geschrieben. Der positive Effekt dieses Trends spiegelt sich nicht nur in den erhellten Gemütern der kulturell interessierten Menschen jeder Altersgruppe wider. Mit mehr als einer Million Erwerbstätigen und einer Bruttowertschöpfung von knapp 63 Milliarden Euro im Jahr 2012 hat sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland zudem längst zu einem Wirtschaftszweig gemausert, dessen volkswirtschaftliche Bedeutung sich sehen lassen kann.

Foto: Wilfried Hösl

Controlling an einer Staatsoper

Zu dieser Entwicklung haben auch zahlreiche Arbeitnehmer mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund beigetragen. Ihr fachliches Know-how ist für den dauerhaften Erfolg eines Kulturbetriebs ebenso wichtig wie die künstlerische Arbeit der rein kreativen Köpfe. Christiane Pitz ist eine solche Frau der Zahlen, die hinter der Bühne agiert. Sie hat an der Uni Köln Betriebswirtschaftslehre studiert und ist heute stellvertretende geschäftsführende Direktorin und Leiterin des Bereichs Finanzen und Controlling an der Bayerischen Staatsoper in München.

Mit einer Mitarbeiterzahl von 950 Festangestellten und einem Jahresetat von gut 100 Millionen Euro handelt es sich bei dem Haus um ein mittelständiges Unternehmen, das auf jeder Ebene professionell geführt werden muss. Ökonomin Christiane Pitz hat deshalb zu Beginn ihrer Tätigkeit erst einmal grundlegende betriebswirtschaftliche Instrumente eingeführt, beispielsweise eine auf die an der Oper ablaufenden Vorgänge abgestimmte Kosten- und Leistungsrechnung.

»Damit kann transparent dargestellt werden, welche Einnahmen und welche Kosten mit einer Opernaufführung verbunden sind – wie teuer etwa die Produktion des Bühnenbildes ist und welche Kosten von welcher Abteilung zu verantworten sind«, erklärt sie.

Danach wurde das operative Controlling implementiert, um die bisher gewonnenen Erkenntnisse der Kostenrechnung mit Planungszahlen zu verbinden. »Das ist in einem Theaterbetrieb sehr aufwändig, da wir es ja nicht mit der Massenherstellung eines Produkts zu tun haben, sondern jede einzelne Inszenierung individuell gestaltet ist«, so die 49-Jährige. Momentan arbeitet ihre Abteilung an einer Darstellung und Optimierung der Unternehmens-prozesse im Rahmen des Qualitätmanagements.

»Auch wenn in einem Theater die künstlerische Arbeit ein kreativer und oft improvisierter Prozess ist, müssen die Abläufe in den Abteilungen rund um die Kunst wie ein Räderwerk ineinander greifen«, begründet sie diesen Schritt. »Sonst wäre ein so eng getakteter künstlerischer Output wie in unserem Haus schlichtweg nicht zu realisieren.«

»Durch die Verbindung von geistes- und wirtschaftswissenschaftlichen Kompetenzen erwerben unsere Absolventen eine Doppelqualifikation, die sie unserer Überzeugung nach von anderen Bewerbern auf dem Arbeitsmarkt abhebt.«

Angelika Konrad-Schineller, Universität Mannheim

Kultur und Wirtschaft an der Universität Mannheim

Um derartigen speziellen ökonomischen Herausforderungen in der Kreativbranche kompetent begegnen zu können, werden mittlerweile eigens darauf zugeschnittene Studiengänge angeboten. Christiane Pitz findet eine solche Ausbildung sinnvoll, wenn man als Wirtschaftswissenschaftler im Kulturbereich arbeiten möchte. »Diese Angebote können durch praxisorientierte Wissensvermittlung und Netzwerke von Kulturmanagern aus unterschiedlichen Bereichen bereits Türen für den späteren Beruf öffnen«, ist sie überzeugt.

Einer dieser relativ neuen Studiengänge nennt sich ›Kultur und Wirtschaft‹ und wird an der Universität Mannheim angeboten. Die dafür zuständige Studiengangsmanagerin Angelika Konrad-Schineller erklärt: »Sowohl unser sechssemestriger Bachelorstudiengang als auch der darauf aufbauende, viersemestrige Masterstudiengang zeichnen sich durch eine einzigartige Verbindung von geistes- und wirtschaftswissenschaftlichen Kompetenzen aus.«

So werden die Mannheimer Studierenden gut auf die vielfältigen Anforderungen vorbereitet, die eben gerade die Schnittstellenjobs im kulturellen Bereich mit sich bringen. Kommunikation als wichtigste Kompetenz Christiane Pitz hebt die Bedeutung von fachübergreifendem Wissen für ihren Beruf ebenfalls hervor. »Betriebswirtschaft und Kultur galten lange Zeit bei vielen Leitern von Kulturinstitutionen als nicht kompatibel«, erzählt sie. »Daher ist es für mich enorm wichtig, auch in kulturellen Themen als kompetente Gesprächspartnerin wahrgenommen zu werden.« Da grundsätzlich bei allen größeren Projekten der Staatsoper in Teams aus Mitarbeitenden unterschiedlicher Abteilungen gearbeitet wird, ist Kommunikationsstärke ein weiterer essenzieller Faktor im Arbeitsalltag der 49-Jährigen. »Inhalte werden bei uns immer im direkten Gespräch übermittelt und reflektiert«, erläutert sie. »Daher ist kommunikative Kompetenz im Zusammenspiel mit den unterschiedlichen Berufsgruppen in einem Theater sicher das wichtigste Werkzeug, das man mitbringen muss.« Auf die Ausbildung interkultureller und kommunikativer Fähigkeiten wird auch an der Universität Mannheim großer Wert gelegt. »Unsere Studierenden besuchen darum zum Beispiel extra Seminare am Mannheimer Zentrum für Schlüsselqualifikationen sowie Kurse der interdisziplinären Kulturwissenschaft und Fremdsprachenkurse mit wirtschaftlicher Schwerpunktsetzung«, erklärt Angelika Konrad-Schineller.

Kulturwirtschaft zählt elf Teilbereiche

Von den bildenden und darstellenden Künsten über Architektur und Design bis hin zur Film- und Musikbranche werden heute elf Teilbereiche zur Kultur- und Kreativwirtschaft gezählt. Dementsprechend vielfältig und spannend sind die möglichen Einsatzgebiete für Wirtschaftswissenschaftler, weiß auch die Mannheimer Studiengangsmanagerin.

»Viele unserer Absolventen gehen in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, andere arbeiten in den Bereichen Marketing und Kommunikation, Vertrieb, Produkt- oder Hochschulmanagement oder kommen im Personalwesen unter«, sagt die 35-Jährige.

Um herauszufinden, in welchem dieser Felder und für welche Art Arbeitgeber man später am liebsten tätig werden möchte, empfiehlt sie, Praktika und Werkstudentenjobs zu absolvieren sowie an Tagungen teilzunehmen. Außerdem rät sie, sich bereits während des Studiums darum zu bemühen, Kontakte zu Unternehmen und Institutionen im Kulturbereich aufzubauen. Christiane Pitz kann dem nur zustimmen. Und dann nennt die stellvertretende geschäftsführende Direktorin der Bayerischen Staatsoper noch einen weiteren Faktor, der ihrer Meinung nach für eine erfolgreiche Karriere im Kultursektor unabdingbar ist: »Die eigene Neugier auf die Kunst und auf die Menschen dahinter!«

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›Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft‹

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