Kleinkind hält sein fotografiertes Gesicht auf einem Blatt Papier vor sein Gesicht

Berufschancen im Mittelstand

Es muss nicht immer der Global Player sein – auch der Mittelstand hat in puncto Karrierechancen keinen Grund, sich zu verstecken.

Schon als Kind wurde uns beigebracht, dass die inneren Werte zählen

Trotzdem lassen sich viele Studenten und Absolventen von großen Namen, einem aufpolierten Image und dem damit verbundenen ›Glanz und Gloria‹ blenden. Doch die wenigsten wissen, dass mittelständische Firmen fast 37 Prozent aller Umsätze in Deutschland erwirtschaften.

»Dem Mittelstand kommt eine erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung zu«, weiß Dr. Rosemarie Kay, die Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.

Das IfM erforscht die Lage und Probleme des Mittelstands und verbessert so die Datenlage

Nach seiner Definition gehören alle Unternehmen zum Mittelstand, die maximal 500 Mitarbeiter beschäftigen und weniger als 50 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Nach dieser Bestimmung gehören 99,6 Prozent der 3,7 Millionen Unternehmen in Deutschland zum Mittelstand. Dass Studierende als Wunscharbeitgeber eher Großunternehmen nennen, führt Kay darauf zurück, dass mittelständische Unternehmen einfach weniger bekannt sind als Großkonzerne und dadurch geringere Bewerberzahlen haben.

»Zudem sind sie häufiger in ländlichen Regionen angesiedelt, die nicht für alle Hochschulabsolventen als Lebensort attraktiv sind«, führt sie aus.

Mittelständler haben außerdem mit dem Klischee zu kämpfen, provinziell zu sein und Geschäftsführer von vorgestern zu haben. »Dass viele der innovativen und kreativen Unternehmen dieses Landes – die von jungen, weltoffenen, hoch gebildeten Unternehmern geleitet werden – ebenfalls zum Mittelstand gehören, wird dabei ausgeblendet«, berichtet sie weiter. Tatsächlich haben sich viele der rund drei Millionen deutschen Mittelständler einen Nische gesucht und sich zum Weltmarktführer in ihrem Bereich etabliert. 

Simone Berger, Director Human Resources bei Cybex, kann die Vorurteile, die es gegenüber dem Mittelstand gibt, teilweise bestätigen:

»Der Standort ist ein entscheidender Pull-Faktor, von dem Unternehmen in Metropolen profitieren.«

Ein sicherer Arbeitsplatz ist außerdem ein wesentliches Kriterium bei der Jobwahl. Viele Bewerber glauben jedoch, den bei einem mittelständischen Unternehmen nicht zu finden. Berger weiß, dass kleine und mittelständische Firmen besondere Recruitingmaßnahmen ergreifen müssen.

»Wer als kleines oder mittelständisches Unternehmen High Potentials für sich gewinnen will, muss Anreize schaffen, die sich von Großkonzernen abheben.«

Für ein mittelständisches Unternehmen sprechen die flachen Hierarchien und ein vielfältiger Aufgabenbereich. »Ein Absolvent kann bei guter Leistung viel schneller Verantwortung übernehmen und eigenständig agieren, was seine Lernkurve extrem beschleunigt«, fährt die Personalerin fort. Am Firmensitz Bayreuth kann Cybex Bewerber vor allem mit einem jungen und dynamischen Team sowie der internationalen Stimmung im Headquarter von sich überzeugen – wie zum Beispiel Marc Alexander Müller, der Werkstudent bei dem Baby- und Kinderartikelhersteller ist. Müller hat sich bewusst gegen ein Großunternehmen entschieden, da diese »oft starre Strukturen haben, die viel latentes Potenzial der Mitarbeiter einschränken«. Bei Cybex hat der 23-Jährige, der an der Universität Bayreuth ›Internationale Wirtschaft und Entwicklung‹ studiert, die Möglichkeit, seine Fähigkeiten auch abteilungsübergreifend einzubringen und sich so stets weiterzuentwickeln.
 

zitat ruth anlauf karriere im mittelstandEin ebenso attraktiver Arbeitgeber ist die Verlagsgruppe Weltbild, deren Name wahrscheinlich vielen ein Begriff ist

Sie gehört zu den Marktführern im Buch- und Onlinebuch-Handel in Deutschland und es hat sich wohl herumgesprochen, dass Weltbild in Augsburg ein großer Arbeitgeber ist. »Im Gespräch mit Bewerbern fällt mir vor allem großes Interesse am Mittelstand und den Chancen, die sich für die persönliche Entwicklung bieten, auf«, berichtet Ruth Anlauf, die stellvertretende Personalleiterin der Verlagsgruppe. Oft wird sie nach Weiterentwicklung, Aufstiegsmöglichkeiten und Gehaltsentwicklung gefragt, worüber sie auch gerne Auskunft gibt. Da die Abteilungen überschaubar sind, wird jeder einzelne Mitarbeiter gesehen und kann individuell gefördert werden. »Die Kommunikation ist einfach und erfolgt häufig direkt. Die stetige Veränderung in einem Handelsunternehmen, aktuell in Richtung Digitalisierung und eBook, ist für unsere Mitarbeiter Teil des Alltags. Das macht die Arbeit spannend und abwechslungsreich, weil wir offen für neue Impulse sind, gerade auch aus den Universitäten und Hochschulen.« Die Hochschullandschaft spielt für Weltbild eine besondere Rolle und die Verlagsgruppe hält engen Kontakt zu den akademischen Bildungseinrichtungen. Mit der Hochschule in Augsburg hat Weltbild eine enge Kooperation. In deren Rahmen halten Mitarbeiter zum Beispiel Fachvorträge über Suchmaschinenoptimierung. Auch hat Weltbild Studierende schon zu Seminaren im Verlagshaus eingeladen. Ferner bietet das mittelständische Handelsunternehmen auch Praktika, Abschlussarbeiten oder Werkstudentenstellen an. Über ein Praktikum während ihres Studiums entdeckte auch Miriam Rothfeld Weltbild als Arbeitgeber für sich.

Die 24-Jährige ist nach ihrem Bachelorabschluss im September 2012 inzwischen als Junior-Einkäuferin für den Kreativ- und Spielbereich bei Weltbild tätig. Durch ihr Studium in Augsburg entwickelte sich in ihr der Wunsch, später in einem Unternehmen der Buchbranche zu arbeiten. »Weltbild war mir bereits seit meiner Kindheit bekannt, da meine Familie jeden Monat den Katalog erhielt«, erzählt die Anglistin. Eine Tätigkeit im größten deutschen Buchhandelsunternehmen hat sie gereizt, da es noch viele andere Sortimente wie Musik und Spielwaren bietet.

Noch frisch dabei, konnte sie dennoch schon feststellen, dass einige mittelständische Unternehmen mit dem Konkurrenzdruck der branchenführenden Konzerne gut umgehen und im besten Fall sogar daran wachsen können. So können Mittelständler die eigene Position im Wettbewerb sogar stärken. Am besten gefällt Rothfeld bei Weltbild, dass man immer »das Gefühl hat, Teil eines großen Ganzen zu sein«. Wirklich etwas vermissen tut sie bei Weltbild nicht. Da sich das Unternehmen hauptsächlich auf den deutschsprachigen Markt konzentriert, sind zum Beispiel die Möglichkeiten, ins Ausland entsandt zu werden, eher klein.

»Allerdings gibt es tatsächlich mehr Schnittstellen zum Ausland, als man auf den ersten Blick meinen würde. Durch meine Position im Einkauf stehe ich glücklicherweise in Kontakt zu vielen ausländischen Lieferanten.« Die Kommunikation mit diesen erfolgt selbstverständlich auf Englisch. »Das freut mich als ehemalige Anglistikstudentin natürlich besonders«, ergänzt sie.

Wenn Marc Alexander Müller im Sommer 2013 sein Studium abschließt, wird er seinem mittelständischen Arbeitgeber bestimmt treu bleiben, denn bei Cybex ist er »wunschlos glücklich«. Beste Chancen hat er dafür auch, denn der Bayreuther Mittelständler wächst aktuell in allen Bereichen und sucht entsprechend qualifiziertes Personal. Wer selbst noch unschlüssig ist, findet am besten durch ein Praktikum heraus, ob ihm der Großkonzern oder ein kleineres Unternehmen liegt. Nicht zuletzt ist es eben eine Typsache, ob man in der Kantine immer wieder neue Gesichter treffen oder lieber einen überschaubaren Kollegenkreis haben möchte.


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