Kopf eines Mannes von hinten und hat Sonnenbrille verkehrtherum aus

Quo vadis, Mittelstand?

Womit KMU punkten und sich ihre Position sichern

 

Ein wenig mysteriös ist er ja. 99,6 Prozent der deutschen Unternehmen gehören ihm an, er zählt circa 66 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten und erwirtschaftet 55 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung: Riesig ist er, der deutsche Mittelstand. Dennoch wirkt er im Vergleich zu den restlichen 0,3 Prozent, die in Deutschland die Großunternehmen und Konzerne ausmachen, klein, ja manchmal gar unsichtbar. Fünf Mittelständler mit dem jeweiligen Produkt- oder Dienstleistungsangebot mag noch jeder aufzählen können, doch was, wenn sich die Zahl auf 20 erhöht?

Ein ebensolches Bild zeichnen Umfragen unter Hochschulabsolventen: Sie streben zumeist zu den allseits Bekannten. Denn so wichtig Gehalt, Firmenwagen und Karrierechancen auch sind: Laut Studien ist es ein großer Nachteil im Freundeskreis, wenn diesem der eigene Arbeitgeber nicht bekannt ist. »Deshalb entscheiden sich auch viele Studenten lieber für bekannte Marken – unabhängig von den konkreten Arbeitsinhalten«, sagt Dr. Patrick Ulrich, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Unternehmensführung und Controlling an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Projektleiter des Europäischen Kompetenzzentrums für Angewandte Mittelstandsforschung (EKAM), ebenfalls an der Uni Bamberg. Der 32-Jährige fügt jedoch hinzu, dass viele Einsteiger nach einer gewissen Zeit merken würden, dass eine Tätigkeit bei einem Großkonzern oftmals auch Nachteile wie lange Entscheidungswege oder sehr spezialisierte Tätigkeiten mit sich bringe. Deshalb sei für viele der Mittelstand mit seinem breiten Aufgabenspektrum vielleicht doch besser geeignet. Schließlich biete gerade der Mittelstand Berufseinsteigern und Absolventen neben einem oft familiären Betriebsklima und schnellen, direkten Entscheidungswegen gute berufliche Perspektiven, fügt Marc S. Tenbieg hinzu. Der 44-Jährige ist geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds (DMB) und erklärt weiter:

»Berufsstarter können von dezentralen Organisationsstrukturen, einem meist großen Aufgabenspektrum, guten Aufstiegschancen und einer frühzeitigeren Verantwortungsübertragung profitieren.«

Wenngleich kleine und mittlere Unternehmen (KMU) oftmals mit ›mittelmäßig‹, unattraktiv, konservativ, traditionell und mit wenigen Karrierechancen gleichgesetzt werden, liegt dies weniger am Mittelstand als an dem ständigen Vergleich mit den ›Großen‹ und einer weitverbreiteten Unwissenheit. In Zeiten des Fachkräftemangels wirken sich diese Vorurteile allerdings noch negativer aus – stehen doch schon Konzerne oftmals vor der Herausforderung, ausreichend qualifizierten Nachwuchs zu finden. Hinzu kommt, dass der Mittelstand im Bereich des Personalmarketings mitunter sein größtes Manko hat. Prof. Dr. Dr. Wolfgang Becker, Inhaber des Lehrstuhls für BWL an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Wissenschaftlicher Direktor des EKAM, findet hierfür deutliche Worte: »Aus Unternehmenssicht ist das Personalmanagement vielfach noch hemdsärmelig, traditionell und dementsprechend wenig professionell ausgerichtet. Oder anders ausgedrückt: nicht zielgruppenorientiert.« Große Unternehmen partizipieren an Arbeitgeberrankings, haben starke Arbeitgebermarken und sind auf Recruitingmessen unterwegs. Sprich, sie sind präsenter als ihre ›kleineren Kollegen‹ – da aber Absolventen bei der Arbeitgeberwahl nicht nur auf spannende Aufgaben achten, sondern auch auf ein gutes Unternehmensimage und Produkte, mit denen sie sich identifizieren können, bleibt dem Mittelstand hier oftmals nur der ›Blick in die Röhre‹.

Hier muss angesetzt werden. Dies sieht auch Alexander Huber, Leiter der Personalbeschaffung und -betreuung in der Bauer Gruppe so: »Die mittelständischen Unternehmen müssen daran arbeiten, ihre Vorteile wie flache Hierarchien ins rechte Licht zu rücken. Auch wenn es ihnen schwer fällt, hier die geeigneten Kanäle zu finden, um diese zur richtigen Zeit mit dem passenden Inhalt zu befüllen, damit Berufseinsteiger auf sie aufmerksam werden.« Während hier Konzerne oftmals eigene Social-Media-Teams hätten, sei hier im Mittelstand durchaus noch viel Luft nach oben.

Auch bei den ›Hidden Champions‹ sieht es dabei nicht anders aus, mag auch das ›hidden‹ zumindest den Kunden des Mittelstands nicht verborgen sein, für viele Einsteiger ist es das. Dieses Problem kennt auch Huber von Bauer: Das Unternehmen mit seinem Sitz in Schrobenhausen zählt nicht unbedingt zu den Unternehmen mit prominentem Standort. Hinzu komme dabei, dass viele Absolventen zwar wüssten, was ein Automobilhersteller oder ein Chemieunternehmen machen, aber beim Thema Spezialtiefbau fast ausschließlich Ingenieure konkretes Wissen über die Branche hätten.

Der Mittelstand muss sich also zeigen:

»Es gilt, präsenter zu werden, Arbeitgebermessen nicht zu scheuen und allgemein offener gegenüber Hochschulen und deren Absolventen aufzutreten«, erklärt Becker von der Uni Bamberg.

Im Zuge dessen müssen auch intern mehr Spezialisten im Personalmanagement aktiv werden. Hinzu kommt, dass der Mittelstand im Bereich der digitalen Medien und Geschäftsmodelle ›aus dem Quark kommen‹ sollte, um den Anschluss an die jüngere Zielgruppe nicht zu verlieren. »Dass es der Mittelstand in der öffentlichen Wahrnehmung gegenüber Weltkonzernen sehr schwer hat, liegt unter anderem auch daran, dass letztere oftmals ein Vielfaches an Budget für PR-Maßnahmen zur Verfügung hat, um auf sich aufmerksam machen zu können«, erklärt Huber von der Bauer Gruppe. Auf dieser Ebene fiele es den mittelständisch geprägten Unternehmen nicht leicht, mitzuhalten. Doch ist der Mittelstand nicht nur von Herausforderungen betroffen, die er mittels Engagement und Weiterqualifizierung selber bereinigen kann wie auch die Nachfolgeregelung oder die Fortbildung der Beschäftigten. Problematisch erweisen sich zudem die externen Einflüsse, auf die die Unternehmen oftmals keinen direkten Einfluss nehmen können:

»Ein essenzielles Mittelstandsthema ist nach wie vor die Unternehmensfinanzierung und Liquiditätsplanung. Zwar haben die meisten deutschen mittelständischen Unternehmen in den vergangenen Jahren ihr Eigenkapital gestärkt, dennoch haben es besonders kleine und junge Firmen deutlich schwerer, Innovationen zu finanzieren, weil sie oft der Zurückhaltung vieler Banken, ihnen mittel- bis langfristige Unternehmensfinanzierungen zu bewilligen, begegnen«, beschreibt Tenbieg vom Deutschen Mittelstands-Bund.

Es ist wie es ist: Im Mittelstand gibt es und wird es immer Verlierer und Gewinner geben. Das mag selbst-, fremdverschuldet oder auch einer gewissen Gesetzmäßigkeit geschuldet sein. Professor Becker von der Uni Bamberg spricht hier das Schumpetersche Gesetz der kreativen Zerstörung an:

»Dieses lehrt uns, dass es immer wieder Bereinigungsprozesse gibt, in denen nicht mehr notwendige Produkte und deren Anbieter vom Markt aussortiert werden.«

Der 62-Jährige ist aber davon überzeugt, dass der Mittelstand, wenn er sich nicht zu sehr auf alten Erfolgen ausruht, weiter ein Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft bleiben und sich prächtig entwickeln wird. Gut so, wäre schließlich traurig, wenn der Mittelstand erst dann auf sich aufmerksam machen würde, wenn er einbricht. 


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