Branchenreport Wirtschaftsprüfung

In guten wie in schlechten Zeiten - Weil alle Unternehmen saubere Zahlen vorlegen müssen, sind Wirtschaftsprüfer auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

schwarze und weiße Taube auf Geländer
skyla80 / Quelle: Photocase.com

»Für meinen Beruf ist ein fahrbarer Untersatz unerlässlich«, sagt Tassilo Megele. Doch der 29-Jährige ist weder Rennfahrer noch Paketzusteller. Megele arbeitet bei der Ernst & Young GmbH als Wirtschaftsprüfer. »Mein Tagesgeschäft ist abwechslungsreich. In erster Linie heißt es, mobil zu sein und direkt vor Ort beim Mandanten zu arbeiten.«

 

Wirtschaftsprüfer wie Tassilo Megele werden immer gebraucht – in guten wie in schlechten Zeiten

Denn ihre wichtigste Aufgabe ist die Jahresabschlussprüfung bei Unternehmen, die gesetzlich vorgeschrieben ist. Dabei stellt der Prüfer fest, ob das Unternehmen sich mit seinem Lagebericht zum Jahresende korrekt darstellt oder ob Zahlen zu Vermögen oder Gewinn geschönt sind. Insbesondere bei Aktiengesellschaften dienen diese Prüfungen einem öffentlichen Interesse. Denn die Aktionäre wollen schließlich wissen, ob das Unternehmen, von dem sie Anteile gekauft haben, ordentlich wirtschaftet.

»Vor Ort beim Mandanten gilt es, zunächst kennenzulernen, wer für welche Bereiche zuständig ist, und alles Organisatorische zu klären«, beschreibt Ernst & Young-Wirtschaftsprüfer Megele einen typischen Einsatz. »Ab dem zweiten Tag geht es dann um die Prüfung selbst.«

Innerhalb der Bilanzposition werden Rechnungen und andere Nachweise überprüft, die vorher anhand von Statistikprogrammen ausgewählt werden. Der andere Teil der Prüfung umfasst die Prozessaufnahme.

»Kontrolliert wird, wie bestimmte Prozesse beim Mandanten ablaufen, wo etwas nicht ganz so optimal läuft und wo mögliches Fehlerpotenzial vorhanden ist«, erklärt Tassilo Megele seinen Job.

Am Ende dürfe eines nicht fehlen: die Dokumentation. »Denn was nicht dokumentiert wurde, gilt als nicht gemacht«, sagt Megele, der nach Abschluss seines Master of Business Administration and Law an der Hochschule Aschaffenburg bei Ernst & Young einstieg. »Bereits als Trainee wurde ich in vollem Umfang in das Tagesgeschäft eingebunden und konnte bereits internationale Praxiserfahrung durch einen dreimonatigen Einsatz in Mailand sammeln.« 

Leistungen von Wirtschaftsprüfern sind in jeder Branche sehr gefragt!

Die Prüfungs- und Beratungsleistungen der Wirtschaftsprüfer werden von einer Vielzahl an Unternehmen jeder Branche nachgefragt – vom DAX-Unternehmen über Familiengesellschaften bis hin zur öffentlichen Hand. »Daher wird auch in den kommenden Jahren die Nachfrage nach Prüfern das Angebot übersteigen«, lautet eine Prognose des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW). Zudem profitiert der Berufsstand von der starken Position der deutschen Wirtschaft.

»Das Beratungsgeschäft der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften hat deutlich unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise gelitten«, weiß Björn Kirsten vom Institut für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes.

»Aber derzeit bessert sich die Lage, da Unternehmen wieder über Kapital verfügen, um in Beratungsleistungen zu investieren.« Das wirke sich auch auf die offenen Stellen für Nachwuchs-Wirtschaftsprüfer aus.

Das Feld möglicher Arbeitgeber teilt sich grob in eine Handvoll großer, internationaler Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und ein Heer mittelständischer Unternehmen.

»Die Tätigkeiten unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, dass sich bei großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften die Wirtschaftsprüfer auf einen Aufgabenbereich spezialisieren«, erläutert Brigitte Rothkegel-Hoffmeister, Leiterin des Bereichs Aus- und Fortbildung im Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW).

Die Gebiete gliedern sich meist in Audit – also die klassische Abschlussprüfung –, Advisory (Beratung) und Tax (Steuern). Wirtschaftsprüfer haben dort mit vielfältigen Mandanten zu tun, die zumeist weltweit tätige Großunternehmen sind. »Bei kleinen und mittelständischen Gesellschaften wird dagegen zwischen Prüfung und Steuerberatung nicht strikt getrennt, das Aufgabenspektrum ist hier breiter«, sagt IDW-Expertin Rothkegel-Hoffmeister. »Die Mandanten – meist mittelständische Unternehmen – erwarten von ihrem Wirtschaftsprüfer oder ihrer Wirtschaftsprüferin eine persönliche Beratung auf mehreren Gebieten.« Während der konkrete Nachwuchsbedarf bei den mittelständischen Unternehmen statistisch nicht erfasst ist, gehen die Großen regelmäßig mit beeindruckenden Zahlen an die Öffentlichkeit. So gab Ernst & Young kürzlich bekannt, derzeit einen Bedarf an rund 1.600 Neueinstellungen zu haben, bei KPMG sind es 1.500, bei Deloitte 1.000, und bei PwC sind es rund 200.

In der Regel suchen die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Wirtschaftswissenschaftler, doch Ernst & Young-Recruiter Marcus Reif betont:

»Bezüglich der Fachrichtungen decken wir ein breites Spektrum ab. Absolventen der Fachrichtungen BWL, VWL, Jura, Wirtschaftsinformatik und Informatik sind bei uns willkommen, aber auch Wirtschaftsingenieure, Wirtschaftsmathematiker und Mathematiker.«

Friedrich Helmert, bei der mittelständischen Wirtschaftsprüfung Schumacher & Partner in Münster für das Personal zuständig, definiert sein Anforderungsprofil hingegen so:

»Von der Fächerwahl favorisieren wir Wirtschaftswissenschaftler, die sich in Richtung Steuern/Rechnungswesen orientiert haben. Allerdings ist schon jetzt die Fachrichtung Wirtschaftsinformatik gleichwertig und wird vielleicht in Zukunft dominieren.«

Examen zum Wirtschaftprüfer - eine der härtesten Prüfung im deutschen Bildungswesen 

Bei all den rosigen Zukuftsaussichten hat der Beruf des Wirtschaftsprüfers auch einige Haken: Da ist zum Einen das Examen zum Wirtschaftsprüfer, das als eine der härtesten Prüfungen im deutschen Bildungswesen gilt, da umfassendes Wissen aus Wirtschaftswissenschaften und Recht abgefragt wird. Um sich überhaupt anmelden zu können, braucht man ein abgeschlossenes Studium und etwa drei Jahre Berufserfahrung als Assistent in einer Prüfungsgesellschaft. Nur etwa die Hälfte der Kandidaten besteht nach Auskunft der Wirtschaftsprüferkammer beim ersten Versuch ohne Nachprüfung.

Zudem müssen Wirtschaftsprüfer einen hohen Aufwand betreiben, um immer auf dem neusten Stand zu sein. »Grundsätzlich entwickeln sich die Rechnungslegungsstandards dynamisch, die Regelungen werden immer komplexer«, sagt Björn Kirsten vom Institut für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes. Mittlerweile gibt es verschiedene Standards wie HGB, IFRS und US-GAAP. Ernst & Young-Recruiter Marcus K. Reif rät deshalb: »Stellen Sie sich im Studium auf jeden Fall breit auf und versuchen Sie, möglichst viele Kenntnisse und Zusatzqualifikationen zu erlangen, beispielsweise IT-Kenntnisse und Fremdsprachen.« Wenn es ein Studiengang ermöglicht, solle man idealerweise während des Studiums Erfahrungen im Ausland sammeln.

Friedrich Helmert rät dem Nachwuchs vor allem, sich zu überlegen, ob er lieber in eng begrenzten Teilbereichen für große Mandate tätig sein will oder umfassend für mittelständisch orientierte Mandate arbeiten möchte. »Im ersten Fall geht man besser zu den Big Four, sonst zu einer mittelständischen WP-Kanzlei.« Die Entscheidung sei in der Regel endgültig. »Den Weg vom mittelständischen Wirtschaftsprüfer zu den Big Four gibt es nicht, umgekehrt ist es auch sehr schwer«, sagt Helmert. »Wir bekommen sehr viele Bewerbungen von Wirtschaftsprüfern, die nach zehn Jahren bei den Big Four in den Mittelstand wollen, aber diese Kandidaten haben nur sehr selten unser Anforderungsprofil.« 


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