Nahaufnahme Marienkäfer auf Stoff

Consulting, eine Nummer kleiner

Jährlich werden bis zu 7.000 neue Consultants gesucht. Während die ›Big Five‹ der Branche Marktanteile verloren haben, bieten kleine Spezialisten attraktive Jobs für Einsteiger

»Ich bin davon überzeugt, dass es kaum einen Beruf gibt, der einem mehr Abwechslung bietet«

Sagt Tim Mendorf. »Und deswegen habe ich mich dafür entschieden, meinen Weg in der Unternehmensberatung einzuschlagen.« Der 29-Jährige hat Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal studiert und stieg anschließend direkt bei der TMS Unternehmensberatung AG in Köln ein.

Dort hat der Berater unter anderem einem mittelständischen Industrieanlagenbauer aus der Krise geholfen

»Aufgrund unternehmerischer Fehler in der Vergangenheit und großen Abhängigkeiten einzelner Kunden befand sich das Unternehmen in einer massiven Liquiditätskrise und war in hohem Grade insolvenzgefährdet «, erzählt Tim Mendorf.

Mit Hilfe der TMS-Berater gelang es dann, zusätzliche Mittel aufzutreiben und die Insolvenz des Unternehmens abzuwenden. Dem Consultant macht die Arbeit mit Mittelständlern besonders viel Spaß.

»Denn Mittelständler ticken anders als große Konzerne. Es herrscht viel weniger Bürokratie, und die Dinge werden einfach angepackt.«

Die Unternehmensberatung stellt für wirtschaftswissenschaftliche Absolventen wie Tim Mendorf ein attraktives Berufsfeld dar, denn die Branche prosperiert:

»Wir haben ein sehr gutes Jahr 2010 erlebt, und auch im laufenden Jahr entwickelt sich die Branche positiv«, sagt Klaus Reiners, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). »Die Berufsperspektiven bleiben sehr gut.«

Laut BDU arbeiteten 2010 in Deutschland mehr als 87.000 Unternehmensberater in rund 13.850 Beratungsfirmen. Das sind 3,2 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.

»Wir schätzen, dass pro Jahr bis zu 7.000 neue Berater gesucht werden«, sagt BDU-Sprecher Reiners. 

 Antonio Schnieder, Präsident des Bundesverbands deutscher UnternehmensberaterWas die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Studierenden und Absolventen nicht wissen:

Kleine und mittelständische Unternehmensberatungen, die wiederum vor allem Mittelständler beraten, spielen bei diesem Branchenwachstum eine entscheidende Rolle. Denn nach aktuellen Berechnungen des BDU ist der Marktanteil der ›Big Five‹ – also Booz & Company, Bain, Roland Berger, Boston Consulting Group und McKinsey – zuletzt von 50 auf rund 44 Prozent geschrumpft.

»Es ist eindeutig: Im Moment sind auf dem Beratermarkt die kleineren Spezialisten stärker gefragt«, weiß auch BDU-Sprecher Klaus Reiners.

Nach der Finanzkrise und der schneller als erwartet gefolgten Erholung brauchen besonders kleine und mittelständische Unternehmen Unterstützung bei Kostenoptimierung auf Wachstum. 

 

Doch die kleinen Consultingfirmen haben ein Problem: Ihnen fehlt der Nachwuchs

»Viele wissen einfach nicht, dass es uns gibt, und schauen nur nach Jobs bei den Großen «, sagt Prof. Dr. Birgit Felden, Vorstandssprecherin der TMS Unternehmensberatung AG und zudem Professorin für Business Management an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

Die Verlockungen der höheren Gehälter und weltweiter Geschäftsreisen mit Business Class seien die Gründe dafür. »Doch dieser Effekt nutzt sich schnell ab«, sagt TMS-Vorstandssprecherin Felden und plädiert dafür, bei der Berufswahl auch kleinere Beratungsfirmen im Auge zu behalten. »Die Kleinen verfügen im Moment über einen Wettbewerbsvorteil, weil sie flexibler und schneller auf die Unternehmen reagieren können.« Berater arbeiten dann in kleinen Teams vor Ort in den Betrieben und führen ihre Gespräche direkt mit Entscheidern und Geschäftsführern. »Das ist sehr reizvoll«, weiß Prof. Dr. Birgit Felden.

Das weiß auch Thorben Wehrmann, der bei der TU Unternehmensberatung GmbH in Oldenburg derzeit den Aufbau des neu geschaffenen Leistungsangebotes ›Einkauf und Kostenmanagement‹ vorantreibt. »Diese Chance würde ich bei einer der großen Consultingfirmen nicht so einfach bekommen. Hier kann ich mich viel freier entfalten«, sagt Wehrmann, der Wirtschaftswissenschaften in Berlin und Budapest studiert hat. Gelegentlich erhält der Consultant Headhunter-Anfragen, doch Wehrmann hält es in Sachen Karriere für geschickter, erst einmal sein Profil als Generalist bei einem Mittelständler zu schärfen. »Längerfristig kann man einen Wechsel zu den Großen nicht ausschließen, doch momentan fühle ich mich sehr wohl hier.«

In seinem Beruf reichen Fachkenntnisse allein nicht aus, betont Thorben Wehrmann

»Man muss vor allem die Fähigkeit haben, Menschen zu begeistern und gemeinsam im Team eine Lösung zu finden.«

Dabei werden von den Spezialisten je nach Wirtschaftslage wechselnde Beratungsleistungen abgefragt: Die wieder schnell gestiegene Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen löste laut BDU im Jahr 2010 bei vielen Firmen einen Beratungsbedarf bei den Themen Unternehmensfinanzierung, Marketing/Vertrieb sowie Innovation aus. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Human-Resources-Beratung gestiegen. Wichtige Klientenbranchen, wie zum Beispiel die Konsumgüterindustrie, die Chemiebranche oder der Maschinenbau, haben ihre Investitionen 2010 wieder deutlich hochgefahren. Infolge sind die Umsätze in diesen Segmenten zweistellig gewachsen. Eine steigende Nachfrage nach Beratungsleistungen verzeichneten die Unternehmensberater ebenfalls aus dem Groß- und Einzelhandel, von den Energie- und Wasserversorgern sowie aus der Automobilindustrie. 

Die wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnisse im Anforderungsprofil junger Berater tritt immer stärker in den Hintergrund:

»Natürlich ist es nach wie vor wichtig – aber es ist nicht mehr das alles entscheidende Detail«, sagt Klaus Reiners vom BDU. »Es gibt eine ebenso starke Nachfrage nach Naturwissenschaftlern oder auch Geisteswissenschaftlern. Wichtig ist heute die soziale Kompetenz und ob ein Kandidat beispielsweise sozial engagiert auftritt.«

Viele Unternehmensberatungen bieten die Möglichkeit an, berufsbegleitend einen Masterstudiengang zu absolvieren. Doch insgesamt verhält sich die Branche noch abwartend. »Erste Umfragen deuten darauf hin, dass die Beratungsfirmen mit dem Bachelor/ Master-System nicht sonderlich zufrieden sind«, berichtet BDUSprecher Reiners.

»Aber es wäre zu früh, dazu feste Aussagen zu treffen. Denn mit den ersten Bachelorabsolventen sammeln die Arbeitgeber im Moment noch ihre allerersten Erfahrungen.«

Berater Tim Mendorf bei der TMS Unternehmensberatung rät Wiwi- Studierenden, sich im Vorfeld darüber Gedanken zu machen, ob man eher in einer kleinen Beratungsgesellschaft arbeiten will oder bei einem der Big Five.

»Bei mittelständischen Beratungsgesellschaften ist meines Erachtens das betriebswirtschaftliche Spektrum, in dem man sich bewegt, wesentlichen größer«, sagt Mendorf. »So kann man von Anfang an umfassende Erfahrung in allen Bereichen und auf höchster Managementebene sammeln.«

Darüber hinaus hätten mittelständische Beratungsgesellschaften häufig eine bessere Work-Life-Balance. Und Mendorf fügt hinzu: »Man sollte ein gewisses Potenzial an Stressresistenz haben, denn der Beruf des Unternehmensberaters kann nicht nur in Bezug auf das Arbeitspensum sondern auch auf die emotionale Belastung durchaus stressig sein.«


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