Münzstapel mit Stiften auf Papier
stevepb / pixabay

Experten erzählen: Das macht die Digitalisierung mit der Wirtschaftsprüfung

Get digital - Was macht die Digitalisierung mit der Wirtschaftsprüfung – wir haben gefragt, Experten geantwortet

1 Wie wird die Digitalisierung den Wirtschaftsprüferbereich in Zukunft noch verändern?

»Wirtschaftsprüfungsgesellschaften erweitern ihr Dienstleistungsportfolio, um einen ganzheitlichen Beratungsansatz – insbesondere im IT-Segment – bieten zu können und dauerhaft konkurrenzfähig zu bleiben. Sie werden sich mittelfristig zu Professional Service Providern weiterentwickeln. Der Wirtschaftsprüfer 4.0 versteht und berät die digitalen Geschäftsmodelle, spricht die Sprache der IT und transformiert bestehendes Wissen in die digitale Welt.«

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter, Lünendonk & Hossenfelder

2 Welche konkreten Aufgaben werden durch die Digitalisierung verändert oder gar ersetzt?

»Der Einsatz spezieller Prüfsoftware ist nur der erste Schritt der Digitalisierung der Abschlussprüfungen. Die Prüfungsmethodik selbst muss fortwährend an die sich weiterentwickelnde digitale Welt angepasst werden. So sind Themen wie Continuous Auditing oder auch Remote Audit zu erwähnen. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften setzen darüber hinaus auch auf Big Data und Künstliche Intelligenz. Denn diese Entwicklungen werden das Business verändern, vor allem in der Steuer- und Rechtsberatung.«

Jörg Hossenfelder, Geschäftsführender Gesellschafter, Lünendonk & Hossenfelder

3  Wie hat sich die Art und Weise der Prüfungen verändert?

»Wir prüfen zum Beispiel komplett papierlos. Es geht nicht mehr darum, irgendwelche Belege zu suchen, auszudrucken oder abzuheften, sondern darum, sich auf hochkomplexe SAP-Systeme aufzuschalten, diese zu verstehen und in diesen Systemen zu arbeiten. Das hat den großen Vorteil, dass wir nicht mehr die ganze Woche auf Achse sind. Wir können alle Prüfungen von jedem Ort der Welt machen – vorausgesetzt, es gibt eine stabile und sichere Internetverbindung. Das Stichwort ist Remote Audit, damit reduzieren wir Reisezeiten und schaffen viel Flexibilität und ermöglichen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Außerdem werden viele Routinetätigkeiten, die vor einem Jahr noch junge Prüfassistenten getan haben, heute von Computern übernommen – Stichwort Massendatenanalyse. Das heißt, wir konzentrieren uns auf die Ergebnisse, die ausgeworfen werden, auf die Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten und eben auf die komplexen Geschäftsfälle, die der Computer nicht erkennen kann.«

Martin Wambach, Geschäftsführender Partner, Rödl & Partner

Wie verändern sich durch die Digitalisierung Anforderungen an Wirtschaftsprüfer?

»Wir brauchen weiter starke Persönlichkeiten, die eine breite Fachkompetenz haben, kommunikationsstark und teamfähig sind und sich trauen, Entscheidungen zu fällen. Bei den Fachkompetenzen dürfen wir uns aber nicht mehr auf die klassische BWL, Recht und Steuern stützen. Vielmehr müssen Bewerber auch Wissen und Interesse an Digitalisierung mitbringen. Genauso wichtig sind zudem die rhetorischen Fähigkeiten sowie Präsentationsfähigkeiten und vor allem auch Spaß am Umgang mit Menschen. Denn der Empfänger unserer Dienstleistung, unser Gesprächspartner, ist nie eine Maschine, sondern immer ein Mensch.«

Martin Wambach, Geschäftsführender Partner, Rödl & Partner

Wird der Beruf des Wirtschaftsprüfers durch die Digitalisierung irgendwann durch Computer ersetzt?

»Prüfungsgebiete mit hohem Ermessensspielraum zum Beispiel Risikobeurteilung oder Bewertungsfragen werden Kernkompetenz des Wirtschaftsprüfers bleiben. Außerdem ist in der Wirtschaftsprüfung die menschliche Komponente vor allem bei Regulierungs- und Compliance-Themen wichtig.«

Melanie Sack, Leiterin Markets & Kommunikation, Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland

6 Wie verändern sich durch die Digitalisierung die Anforderungen an Wirtschaftsprüfungsgesellschaften?


»Für die Mandanten haben die Themen Big Data, Cloud Services Business Analytics, IT-Audit und IT-Service-Management große Bedeutung. Jedoch verfügt bislang nur eine sehr kleine Anzahl von Wirtschaftsprüfergesellschaften über IT-Einheiten, die diesen enormen Entwicklungen der Digitalisierung gewachsen sind. Aus diesem Grund arbeiten immer mehr Gesellschaften mit IT-Unternehmen zusammen oder bilden eigene Spezialteams.«

Jörg Hossenfelder, geschäftsführender Gesellschafter, Lünendonk & Hossenfelder

Vor welchen Herausforderungen stehen Wirtschaftsprüfer derzeit?

»Unternehmen haben zunehmend komplexe Geschäftsmodelle und damit verbunden komplexe Prozesse und Systeme. Viele Unterlagen und Nachweise im Unternehmen liegen nur noch digital vor. Es gibt hierbei strukturierte, wie Belege in ERP-Systemen, und unstrukturierte, wie Verträge und E-Mails – diese müssen verknüpft werden. Daher sind Bewerber mit Verständnis für IT-Systeme, etwa SAP gerne gesehen. Zusätzlich arbeiten viele Gesellschaften mit komplexen Datenanalysetools. Wer hier Kenntnisse über die Arbeitsweise dieser Tools sowie die Auswertung der Ergebnisse mitbringt, hat gute Chancen. Generell gilt: je mehr IT-Wissen, desto besser.«

Melanie Sack, Leiterin Markets & Kommunikation, Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland

8 Wie können sich Absolventen auf die Entwicklungen in der Wirtschaftsprüfung vorbereiten?


»Neben einer fundierten Ausbildung sowohl in IT-Anwendungen als auch der Analyse von Massendaten ist weiterhin ein solides Wissen in Rechnungslegung und Bilanzierung Voraussetzung für den Beruf als Wirtschaftsprüfer. Dabei hilft eine gewisse IT-Affinität, sie wird jedoch nicht das notwendige Grundverständnis für Geschäftsmodelle und deren Prozesse ersetzen. Gefragt ist nach wie vor der Blick über den Tellerrand.«

Tibor Abel, Partner, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Baker Tilly Wirtschaftsprüfungsgesellschaft


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