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Experteninterview: Wirtschaftsprüfung wird digital

»Kein Stein bleibt auf dem Anderen.« Wirtschaftsprüfer Martin Wambach über die Digitalisierung der Branche – Chancen und Risiken inbegriffen

Martin Wambach ist Geschäftsführender Partner, Leiter der Wirtschaftsprüfung und Chief Digital Officer der IT bei Rödl & Partner. Er prüft und berät international tätige Unternehmen in den Bereichen Strategische Unternehmensentwicklung, Controlling, Risikomanagement, Finanzierung sowie Internationalisierung. Weitere Arbeitsfelder sind IT und Digitalisierung.

Herr Wambach, wie weit hat die Digitalisierung bereits Einzug in die Wirtschaftsprüfung gehalten?  An allen Ecken und Enden. Die Industrie beschäftigt sich stark mit dem Thema Digitalisierung von Wertschöpfungsketten. Die Vernetzung und der technische Fortschritt sind in der Industrie omnipräsent. Dadurch sind auch wir als Wirtschaftsprüfer gefordert, uns mit diesen Sachverhalten auseinanderzusetzen und sie zu verstehen. Wir stoßen immer wieder auf hochzentralisierte Systeme, die ganze Unternehmensprozesse abbilden. Unsere Aufgabe ist es hierbei, die Daten für uns zu nutzen, damit wir damit arbeiten können. Natürlich haben auch immer mehr Mandanten webbasierte Geschäftsmodelle, also E-Commerce- und Webshops. Sie haben ihr Geschäft weitgehend ins Internet verlagert. Daher unterscheiden wir zwischen Prüfen der IT und Prüfen mit IT. Dabei geht es um mehr, als nur papierlos zu prüfen: Vielmehr müssen wir moderne Datenanalysen, Process Mining, automatisierte Texterkennung und Künstliche Intelligenz für unsere Prüfung nutzen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?  Der technische Fortschritt ist noch nicht flächendeckend in den Köpfen angekommen – das gilt für alle Beteiligten. Zum einen müssen Curricula und Lehrpläne in der Wirtschaftsprüferkammer und an Hochschulen überarbeitet werden. Sie beinhalten bisher viel zu wenig der modernen Inhalte der Digitalisierung und kleben noch viel zu sehr an den klassischen Inhalten der Betriebswirtschaft. Wir brauchen mehr Lehrstühle, die sich mit dem technischen Fortschritt und der Wirtschaftsprüfung beschäftigen. Zum anderen gilt dies aber auch für die Wirtschaftsprüfer selbst. 73 Prozent der Wirtschaftsprüfer in Deutschland sind älter als 45 Jahre, somit Digital Immigrants und müssen sich nun mit der IT auseinandersetzen. Die Änderungsbereitschaft ist hierbei jedoch das Problem.

Die Veränderungen sind aber doch auch mit Chancen verbunden, oder?  Sicher, wir können den Beruf des Wirtschaftsprüfers neu interpretieren und positionieren und ihn somit wieder attraktiv für junge Menschen machen: weg vom langweiligen, vergangenheitsorientierten, checklistengetriebenen Häkchenmachen hin zum modernen Businessanalysten, zum Prüfer, der mit modernsten Instrumenten und Werkzeugen die Wirtschaft auf dem Weg zur Digitalisierung fachkundig begleitet. Das Bild vom Wirtschaftsprüfer, der die ganze Woche weg ist, stimmt nicht mehr: Denn aufgrund moderner Systeme können wir weitgehend von Zuhause oder aus dem Büro prüfen und müssen nicht vor Ort sein. Routinearbeiten macht der Computer. Wir setzen uns nur noch mit den anspruchsvollen Sachverhalten auseinander.

Es gibt aber sicherlich auch Risiken und Herausforderungen ...   Das größte Risiko ist, dass wir uns als Wirtschaftsprüfer nicht schnell und entschlossen genug positionieren. Andere Prüforganisationen drohen, uns die Butter vom Brot zu nehmen, weil sie auch viele Prüfungen im Umfeld IT, Digitalisierung und Risikomanagement anbieten – die wir eigentlich als Wirtschaftsprüfer konzipiert haben – und in den Markt drängen. Ein weiteres Risiko ist, dass wir zu stark auf die Digitalisierung schauen und dabei die Menschen vergessen. Die Digitalisierungseuphorie kann auch zu Verunsicherung führen. Das heißt, wir müssen den Leuten deutlich machen, dass die Digitalisierung unseren Beruf nicht bedroht, sondern wir dadurch große Chancen haben, ihn aufzuwerten. Insofern ist die größte Herausforderung meiner Meinung nach – und das gilt nicht nur für die Wirtschaftsprüfung, sondern für alle Bereiche, die von Digitalisierung betroffen sind – die perfekte Verbindung von Mensch und Maschine zu finden. Denn am Ende arbeiten wir immer für Menschen. Das heißt, dieser muss im Mittelpunkt stehen. Wir müssen alle Beteiligten auf diesen Veränderungsprozess mitnehmen und Aufbruchstimmung und Mut erzeugen, statt Verängstigung.

Werfen Sie für uns einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie die Wirtschaftsprüfung in zehn Jahren?  Der technische Fortschritt wird sich nicht aufhalten lassen, weder auf der Unternehmensebene noch bei den Wirtschaftsprüfern. Aber: Ich bin mir sicher, dass der Wirtschaftsprüfer durch die Digitalisierung nicht ersetzt werden wird. Denn Prüfen ist mehr als nur Technikeinsatz. Gleichwohl wird die Technik immer mehr Felder übernehmen. Wir beschäftigen uns gerade viel mit dem Thema Künstliche Intelligenz: einzelne, einfache Bewertungsfragen wird in Zukunft der Computer machen können. Wir werden immer mehr zu Spezialisten, nicht mehr von Rechnungslegung, sondern von Governance, Compliance und Risikomanagement. Außerdem wird der Wirtschaftsprüfer auch immer mehr zum Projektmanager: Die komplexen Sachverhalte bedürfen zum Beispiel auch Juristen im Team, die sich mit regulatorischen Rahmenbedingungen auseinandersetzen, aber auch IT-Spezialisten, Wirtschaftsingenieure und Forensiker.


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