Mann stemmt einen Stein

Klein oder groß? – Einstieg in Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfung

Vor dem Einstieg in die Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfung solltest du dir die Frage stellen, ob du bei einem großen oder kleinen Unternehmen durchstarten möchtest. Wir haben die Vor- und Nachteile für dich zusammengetragen.

Berufseinsteiger zu sein ist wahrlich keine einfache Angelegenheit

Nachdem erst einmal entschieden werden muss, welche berufliche Richtung überhaupt eingeschlagen werden soll, geht es an die Auswahl des passenden Unternehmens. Wer denkt, gerade angehende Wirtschaftsprüfer oder Unternehmensberater hätten es da nicht besonders schwer, schließlich gebe es nur Prüfungsgesellschaften oder Beratungen zur Auswahl, der täuscht sich. Beratung ist nicht gleich Beratung, genau wie keine Prüfungsgesellschaft der anderen gleicht.

Groß oder klein? Das ist eine der Fragen, die es zu beantworten gilt

»Viele Hochschulabsolventen«, erklärt Steuerberaterin Brigitte Rothkegel-Hoffmeister, Leiterin der Aus- und Fortbildung am Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. (IDW), »denken beim Thema Wirtschaftsprüfer nur an große Gesellschaften. Dabei gibt es fast überall in Deutschland viele Einzelwirtschaftsprüfer sowie kleine und mittelgroße Wirtschaftsprüferpraxen, die Beratungsaufgaben speziell für den Mittelstand wahrnehmen – und das nicht erst dann, wenn ein Unternehmen in eine Krise geraten ist oder eine Unternehmensbewertung für eine Übernahme ansteht. Denn das eigentliche Beratungsziel der Wirtschaftsprüfer liegt in der fachlichen Begleitung von Unternehmen und in der Abwendung von Krisen.«

Bei den Beratungsunternehmen ist das ganz ähnlich

Neben den großen, oftmals international vertretenen Strategie- und Managementberatungen existieren zahllose kleine Beratungshäuser, die sich meist auf ein bestimmtes Beratungsgebiet, eine Branche oder die Beratung regional ansässiger Mittelständler spezialisiert haben.

zitat brigitte rothkegel-hoffmeisterGenauso unterschiedlich wie die Unternehmen sind die Aufgaben, die an frisch gebackene Hochschulabsolventen gestellt werden. Grundsätzlich gilt, dass die Tätigkeiten desto stärker spezialisiert sind und die Aufgabenbereiche jedes Einzelnen umso kleiner werden, je größer das Unternehmen ist. »In der Wirtschaftsprüfung gliedern sich die Gebiete in Audit, also die klassische Abschlussprüfung, Advisory (Beratung) und Tax (Steuern)«, erklärt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister. »Bei kleinen und mittelständischen Gesellschaften wird dagegen zwischen Prüfung und Steuerberatung weniger strikt getrennt, das Aufgabenspektrum des Einzelnen ist hier breiter. Die Mandanten – meist mittelständische Unternehmen – erwarten von ihrem Wirtschaftsprüfer eine persönliche und interdisziplinäre Beratung. Deshalb ist der Wirtschaftsprüfer dort mit einer größeren Breite an Themen konfrontiert und muss sich in allen Gebieten gut auskennen. Im Hinblick auf das weite Aufgabenspektrum ist eher der Generalist gefordert.«

Ganz ähnlich sieht es in der Unternehmensberatung aus. »Bei den Großen der Branche müssen Absolventen oft erst weitere Ausbildungsprozesse durchlaufen. Man arbeitet zumeist erst im Hintergrund als Analyst im Research den erfahreneren Teamkollegen zu. Im Gegenzug gibt es einen Einblick in verschiedenste Unternehmen – und nicht selten die Möglichkeit, nach der Beraterkarriere zu einem ehemaligen Kunden zu wechseln. Bei den kleineren Unternehmen steigt man dafür sehr schnell ins eigentliche Projektgeschäft zusammen mit berufserfahrenen Kollegen ein und lernt das Consultinggeschäft ›on the job‹«, beschreibt Klaus Reiners, Leiter Presse und Kommunikation im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). Das kann Marc Ackermann nur bestätigen. Der Diplom-Ökonom arbeitet für die AMB Aktive Management Beratung in Bottrop, die sich auf Managementberatung, Restrukturierung und Trainings spezialisiert hat. Ackermann kennt die Anforderungen, die an Einsteiger in kleinen Beratungsgesellschaften gestellt werden: »Während größere Gesellschaften bei Großmandanten und damit verbundenen Größen ihrer Beraterteams eine klare Aufgabentrennung und Spezialisierung innerhalb der Teams forcieren, sind im kleineren Segment häufig Generalisten gefragt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass kleinere Beratungen breitere thematische Vielfalt bei hierarchisch flachen Teamstrukturen bieten können.« Auch Thomas Ecker, Diplom-Betriebswirt und Inhaber der Ecker Mittelstandsberatung im niederbayerischen Bad Griesbach, hat sich gegen die Karriere in einem großen Beratungshaus und für die Selbstständigkeit entschieden. Lieber berät er mittelständische Unternehmen in Themen wie  Unternehmensentwicklung und -nachfolge, Sanierung und Restrukturierung. »Man geht hier öfters in die Tiefe, wird pragmatischer. Zudem lernt man einfach schneller am Objekt und ist damit früher in jegliche Entscheidungsprozesse eingebunden.«

Barbara Rauthe-Reichenbach ist wie Marc Ackermann und Thomas Ecker Mitglied im Verband Die KMU-Berater – Bundesverband freier Berater. Sie ist Inhaberin der Dresdner Unternehmensberatung Kreacon und berät ihre Mandanten in den Bereichen Existenzgründung, Marketing, Strategie und Wachstum. Auch Rauthe-Reichenbach weiß um die Allrounder-Rolle, die in kleinen Beratungen auf Absolventen wartet.

»Man muss oftmals Alltagsaufgaben wie die Bürokommunikation übernehmen, braucht Kontaktstärke und gute kommunikative Fähigkeiten. Die Chemie zwischen allen Kollegen muss eben stimmen. Stark sachorientierte Spezialisten sind bei großen Unternehmen daher sicher besser aufgehoben.«

Gleiches gilt für Absolventen, die es gern so international wie möglich hätten

»In großen Beratungen hat man die Möglichkeit, intensiver in Auslandsprojekte eingebunden zu werden. Das erlebt man bei kleineren Beratungen weniger. Wenn das ein wichtiges Ziel für einen jungen Hochschulabsolventen ist, ist der Einstieg in eine große Beratung sicherlich die bessere Wahl«, erklärt Klaus Reiners.

Nicht selten passiert es dann, dass zum Kunden ins Ausland geflogen werden muss. Für einzelne Tage, Wochen oder sogar Monate. Dort, genau wie oftmals schon im Büro, ist die Arbeitssprache Englisch. Nicht nur beraten, auch geprüft wird mittlerweile international, nur eben überwiegend von großen Prüfungsgesellschaften.

»Die Wirtschaft arbeitet heute global«, bestätigt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister vom IDW. »Auch der Mittelstand ist inzwischen länderübergreifend verflochten. Wirtschaftsprüfer prüfen internationale Abschlüsse, unterstützen ihre Mandanten bei der Umstellung auf internationale Rechnungslegungsgrundsätze, dokumentieren Verrechnungspreise, beraten bei Veränderungen von Unternehmensstrukturen mit Auslandsbezug wie auch bei der Steuerplanung, erstellen steuerliche Standortanalysen und Ländervergleiche und beraten beim internationalen Mitarbeitereinsatz.«

Daraus ergibt sich: Je größer und internationaler das Unternehmen, desto rarer wird die Zeit im heimischen Büro. Oftmals verbringen Berater wie auch Prüfer in großen Gesellschaften die Tage von Montag bis Donnerstag beim Kunden. Erst am Freitag geht es zurück ins Büro, um sich mit Kollegen aus anderen Teams auszutauschen oder Prozesse zu dokumentieren. »Die kleineren Unternehmen«, so Klaus Reiners, »sind hingegen häufiger in Projekte mit Klienten aus der regionalen Umgebung involviert. Somit fällt ihre Reisetätigkeit etwas geringer aus.«  

Doch was müssen Absolventen mitbringen, wenn sie in eine große oder kleine Beratung oder Prüfungsgesellschaft gehen wollen?

Die Studienrichtung ist eher zweitrangig. Viel wichtiger sind überdurchschnittliche Leistungen, außeruniversitäres Engagement, Sprachkenntnisse sowie erste Praxis- und Auslandserfahrungen.

»Mittelständische Unternehmen erwarten außerdem die Qualifikation als Steuerberater. In den großen Prüfungsgesellschaften verzichtet der Berufsnachwuchs jedoch mittlerweile zunehmend auf die Steuerberaterprüfung und absolviert das Gebiet Steuerrecht im Wirtschaftsprüfungsexamen«, erklärt Brigitte Rothkegel-Hoffmeister.

Für  den Unternehmensberater Marc Ackermann steht fest, dass die Größe eines Beratungsunternehmens nur bedingt vorschreibt, welche Anforderungen Absolventen im Gepäck haben müssen.

»Vielmehr geben das angestrebte Beratungsfeld sowie die Art der geschäftlichen Tätigkeit der Mandantschaft die Anforderungen vor. Sanierungsberater zum Beispiel benötigen einen deutlich höheren Anteil juristischer Fachkenntnisse, während die konzeptionelle Unterstützung von Unternehmen bei der Erstellung von validen Planungsszenarien und Businessplänen einen ganz klaren Fokus auf analytisches und EDV-technisches Handwerkszeug legt.« 

Auch, ob ein Bachelor-, ein Masterabschluss oder gar eine Promotion auf dem Zeugnis steht, spielt zum Berufseinstieg eine untergeordnete Rolle. »Keinen Masterabschluss mitzubringen, ist auch kein Ausschlusskriterium«, sagt Klaus Reiners, »ganz egal, wie groß das Unternehmen ist. Kleine Beratungen beraten eher den Mittelstand. Die Klienten dort sprechen gerne auf Augenhöhe mit den Beratern. Da ist eine Promotion oder ein MBA, wie er in großen Häusern gern gesehen und oftmals aktiv unterstützt wird, nicht unbedingt hilfreich – zumal sich gleich die Frage aufdrängen kann, ob solche Titel die Projektkosten des Klienten nicht sogar erhöhen.« Nicht nur die Projekt-, sondern auch die Personalkosten hängen mit der Höhe des Abschlussgrades zusammen. Viele kleine Beratungen und Prüfungsgesellschaften sehen sich schlicht nicht in der Lage, diese zu bezahlen.

Womit wir beim nächsten Unterschied wären: dem Gehalt

So kann das Bruttojahresgehalt eines Berufseinsteigers laut Personalmarkt.de in einem Consultingunternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern mit rund 47.500 Euro fast 8.000 Euro mehr betragen als in einem Unternehmen, das höchstens 100 Mitarbeiter beschäftigt. In der Wirtschaftsprüfung sieht das ähnlich aus. Hier liegt der Median des Einstiegsgehaltes in großen Gesellschaften mit mehr als 1.000 Mitarbeitern bei 44.700 Euro, während sich Einsteiger in kleinen Gesellschaften mit durchschnittlich 12.000 Euro weniger zufrieden geben müssen. Klar, das sind gravierende Unterschiede. Dennoch sollte das Gehalt allein nicht ausschlaggebend für die Wahl des Unternehmens sein. Klaus Reiners rät Absolventen, sich genau zu überlegen, worin ihre Stärken und beruflichen Ambitionen liegen, Freunde und Familienmitglieder in die Entscheidung mit einzubeziehen und womöglich eine Liste der Vor- und Nachteile aufzustellen. Wer beispielsweise nicht gerne reist und den Partner nicht nur am Wochenende sehen will, ist genauso falsch in einer großen Beratung aufgehoben wie jemand, der in einem kleinen Unternehmen anheuert, sich aber vor Büroarbeit scheut und insgeheim danach sehnt, nicht etwa einen Einblick in das Unternehmensinnere des Mittelständlers aus dem Nachbarort, sondern sämtlicher Weltkonzerne zu bekommen.

Es ist also Geschmackssache, ob du deine ersten beruflichen Schritte in der Beratung oder Prüfung in einer kleinen oder großen, regionalen oder internationalen Beratung oder Prüfungsgesellschaft gehen willst. Aufgaben oder Gehalt mögen sich unterscheiden – eine große Karriere hinlegen lässt es sich aber auch bei den Kleinen.


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