Schwarz-weiß-Bild von drei Menschen, die sich mit dem Rücken zu einer Glasfront unterhalten. Hinter ihnen sieht man die Skyline der Stadt. Links auf dem Boden liegt ein Rucksack
(c) Charles Forerunner / unsplash

Work-Life-Balance im Consulting

Consulter arbeiten mindestens 60 Stunden in der Woche und sind ständig auf Reisen? Wir haben bei den Unternehmen nachgefragt, wie die Work-Life-Balance im Consulting aussieht – und überraschende Antworten bekommen.

Berater sind Dienstleister, die für ihre Kunden Probleme lösen – und das so schnell wie möglich. Darin ist sich die Consultingbranche nach wie vor einig. Trotzdem verändert sich derzeit Einiges: Consultants müssen nicht mehr 24 Stunden für ihre Kunden erreichbar sein, sie arbeiten nicht mehr ohne Pause Nächte und Wochenenden durch und auch die Reisetätigkeiten werden je nach Beratungsunternehmen reduziert.

»Beim Thema Arbeitszeit müssen wir flexibler sein, um den Ansprüchen der jungen Einsteiger gerecht zu werden«, sagt Dagmar Zippel von Accenture. Die Recruitingleiterin für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Russland weiß, dass Work-Life-Balance für die neuen Generationen Y und Z eine größere Rolle spielt als für ihre Vorgänger. Also stellt sich das Unternehmen darauf ein: »Wir eröffnen beispielsweise mehr lokale Standorte, damit die Berater nicht mehr so weit zu ihren Kunden fahren müssen«, sagt Dagmar Zippel.

Ganz neu ist ein Konfigurator, mit dem die Mitarbeiter jedes Jahr erneut über Inhalte ihres Arbeitsvertrags entscheiden können: Der eine möchte vielleicht weniger reisen, der andere mehr Urlaubstage haben – dies können die Conultants demnächst an ihre aktuelle Lebenssituation anpassen. Bei den Arbeitszeiten ist Accenture ohnehin eine Ausnahme in der Beraterbranche: »Wir haben – im Gegensatz zu vielen anderen Consultingunternehmen – eine vertraglich geregelte Wochenarbeitszeit von 40 Stunden«, erklärt die Recruitingleiterin. »Überstunden werden monetär oder zeitlich abgegolten.« Dieser Ansatz findet sich in der Branche selten – meist werden von den Beratern schlichtweg Überstunden erwartet.

Batterien auftanken

»Der Consultingberuf ist kein Nine-to-five-Job«, sagt denn auch Claudia Fell, Partnerin und Recruitingverantwortliche bei Oliver Wyman. »Aber es gibt natürlich Zeiten, in denen mehr zu tun ist, und dann wiederum ruhigere Phasen, in denen sich die Mitarbeiter auch kurzfristig freinehmen können.« Darüber hinaus gibt es in ihrem Beratungsunternehmen weitere Möglichkeiten, Leben und Arbeiten in Balance zu halten: Wem die 30 Urlaubstage, die jedem Berater zustehen, nicht ausreichen, kann sich bis zu 20 weitere Urlaubstage hinzukaufen, zum Beispiel für ausgedehnte Auszeiten zwischen den Projekten. Wer eine noch längere Pause braucht, kann bis zu sechs Monate ein unbezahltes Sabbatical nehmen, um die Batterien wieder aufzutanken.

Frederic Kremer, Principal bei Oliver Wyman, hat sich drei Monate Auszeit genommen und darüber hinaus eine zeitlang auf 80 Prozent Teilzeit reduziert. »Das heißt nicht, dass ich jede Woche nur vier Tage gearbeitet habe – das wäre mit Kundenbedürfnissen nicht vereinbar gewesen«, berichtet der 37-Jährige. »Aber ich konnte mir immer wieder mal einen Tag zwischendurch freinehmen und die Pausen zwischen den Projekten waren länger.« Sowohl Frederic Kremer als auch Claudia Fell betonen, dass solche Regelungen keinerlei Nachteile für die Karriere bedeuten. »Wir freuen uns, wenn unsere Kollegen nach ihrer Auszeit erfrischt und mit neuen Impulsen wiederkommen«, so die Recruitingverantwortliche.

Freiraum für Auszeiten

Sie arbeitet jetzt seit 15 Jahren in der Branche und sieht, wie sich das Thema Work-Life-Balance verändert. »Früher hat kaum jemand nach einer längeren Auszeit oder Pausen zwischen zwei Projekten gefragt«, erinnert sie sich. »Aber wenn wir gute Leute haben wollen, müssen wir uns auch auf deren Wünsche einstellen.« Als Claudia Fell vor vielen Jahren ihr Sabbatical genommen hat, war sie damit noch eher die Ausnahme. »Heute kenne ich kaum jemanden bei uns, der noch keine Auszeit genommen hat oder darüber nachdenkt.«

Wie viel Freiheit und Flexibilität die Beraterfirmen ihren Mitarbeitern gewähren, ist eine Frage der Unternehmenskultur, sagt Matthias Loebich, Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). »Aber wir bemerken, dass das Thema bei allen immer wichtiger wird.« Bei manchen Beratungen hat sich durchgesetzt, dass die Consultants vier Tage vor Ort beim Kunden sind und den fünften Wochentag zu Hause oder im Büro arbeiten. »Auch der Reiseaufwand hat sich in einigen Bereichen verändert«, so Matthias Loebich.

Dank technischer Möglichkeiten nehmen Video- und Telefonkonferenzen weiter zu, oder Arbeiten werden ›remote‹, also elektronisch vom eigenen Büro aus, durchgeführt, zum Beispiel in IT-Beratungen. »Wer wenig Lust auf das ständige Reisen hat, sollte sich als Arbeitgeber kleine oder mittelgroße Beratungen suchen, die regional konzentriert arbeiten«, so Loebichs Rat. Ganz auf Reisen verzichten werden Berater jedoch nie, »denn ein Berater arbeitet mit dem Kunden und nicht für den Kunden – daher muss er einfach regelmäßig vor Ort sein«.

Work-Life-Balance

Auch wenn man nicht immer physisch anwesend ist – dank elektronischer Hilfsmittel wie Smartphone, Tablet und Co. sind Consultants theoretisch 24 Stunden erreichbar. Wie fordernd sind die Unternehmen hier wirklich? »Ich denke, die meisten Fragen sind nicht so dringend, dass sie nicht bis zum nächsten Tag warten können«, glaubt Matthias Loebich, der nicht nur für den BDU tätig ist, sondern auch beim Beratungsunternehmen BearingPoint arbeitet. »Hier muss jeder seine eigene Balance finden.« Auch Claudia Fell stellt ihr Firmenhandy am Wochenende aus und schreibt allenfalls am Sonntagabend schon mal ein paar E-Mails – um sie allerdings erst am Montagmorgen abzuschicken.

»Ich will schließlich keinen meiner Mitarbeiter unter Druck setzen, am Wochenende arbeiten zu müssen.« Dagmar Zippel ist ebenfalls der Ansicht, dass jeder Arbeitstag mal ein Ende haben muss. »Diese Erkenntnis umzusetzen fällt in die Eigenverantwortung der Mitarbeiter«, betont die Recruitingleiterin, die beobachtet, dass auf Kundenseite ebenfalls ein Umdenken stattfindet: »Es gibt viel mehr Verständnis als früher dafür, dass ein Consultant auch ein Privatleben hat.« Principal Frederic Kremer bringt es auf den Punkt: »Schließlich will keiner mit Menschen arbeiten, die kein Leben außer der Arbeit haben.« Der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance, den junge Einsteiger formulieren, trifft also durchaus auf offene Ohren in der Consultingbranche.


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