Sofa steht im Blumenwiese

Das Arbeitsfeld von Agrarökonomen

Agrarökonomen verbinden naturwissenschaftliche Fachkenntnisse mit BWLer-Know-how.

Als Martin strobl vor sieben Jahren bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) als Agrarökonom zu arbeiten begann, gehörte zu seinen ersten Aufgaben, die zehn Biogasanlagen in Bayern anhand eines festgesetzten Katalogs an Kenngrößen regelmäßig zu bewerten. »Aus effizienzgründen habe ich parallel zur Bewertung eine datenbankgeschützte Bewertungssoftware geschrieben, die zuerst nur intern eingesetzt wurde«, erzählt der 32-jährige Agrarwissenschaftler, der inzwischen für die LfL in München tätig ist.

»Heute wird die software für Biogasanlagenbetreiber kostenfrei im Internet angeboten – den fachlichen Hintergrund erläutere ich in einem Buch, das mittlerweile veröffentlicht ist.« Im optimalen Fall, so Martin strobl, entwickelt ein Projekt eine derartige eigendynamik wie diese ›BZA-Biogas-software‹.

Martin strobl, der an der Technischen Universität München Agrarwissenschaft mit den schwerpunkten Landtechnik und Ökonomie studiert hat, ist mit Herz und seele Agrarökonom. »Mich fasziniert die Kombination aus Technik und Ökonomie«, sagt der Fachmann für die wirtschaftlichkeit von Biogasanlagen. »nur wenn man ein landwirtschaftliches Produktionsverfahren ordentlich mit technischen Kennzahlen beschreiben kann, wird dessen betriebswirtschaftliche Bewertung gut und belastbar sein.« Konkret arbeitet er sowohl mit Datenloggern auf Maschinen wie auch mit statistischen Methoden zur Datenauswertung. »ein ausgewogener Mix aus Büro und Feld«, fasst Martin strobl die Attraktivität seines Berufs zusammen.

Nur etwa 800 Agrarökonomen wie Martin strobl verlassen Jahr für Jahr deutsche Hochschulen, schätzt der Berufsverband Agrar, ernährung, Umwelt (VDL). Als Vertiefung des agrarwissenschaftlichen studiums stellt die Agrarökonomie somit eine weitgehende spezialisierung dar, die auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihres Fachkräftemangels auf enorme nachfrage stößt. »Die Rahmenbedingungen für diesen Beruf sind derzeit herrlich«, schwärmt VDLVorstandsvorsitzender Markus ebel-waldmann.

»Zwar stehen Agrarökonomen auf dem Arbeitsmarkt in direkter Konkurrenz zu den klassischen wirtschaftswissenschaftlern und zu den Juristen. Aber sie erhalten oft den Zuschlag, weil sie einfach eine höhere Dosis Praxisbezug vorweisen können.«

Nur ein Viertel aller Agrarwissenschaftler spezialisiert sich auf Agrarökonomie, doch das ändert sich derzeit:

Laut VDL steigen sowohl die studienanfängerzahlen insgesamt als auch die Zahl derjenigen, die sich auf eine agrarökonomische Laufbahn konzentrieren. »es spricht sich mehr und mehr herum, dass die suche nach Agrarökonomen auf dem Jobmarkt intensiviert wurde«, vermutet VDL-Vorstand ebel-waldmann. »Noch vor wenigen Jahren hatten wir mit einem Rückgang der studienanfängerzahlen zu kämpfen, was mit einer Verunsicherung nach einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge zu tun hatte.« Die neue entwicklung hat auch dazu beigetragen, dass heute mehr als 50 Prozent aller angehenden Agrarökonomen nicht aus landwirtschaftlich orientierten Familien stammen. Früher war es die Regel, dass überwiegend Kinder aus bäuerlichem Milieu eine derartige Ausbildung erwogen.

Als Pionier für die Ausbildung von Agrarökonomen gilt die Universität Hohenheim, die als erste und lange Zeit einzige Hochschule in Deutschland vom ersten semester an ein agrarökonomisch ausgerichtetes Fachstudium anbot. Mittlerweile ist das studienangebot in Agrarökonomie größer, doch der VDL bemängelt fehlende Transparenz. »Man kann heute von rund 250 unterschiedlichen Abschlussmöglichkeiten an deutschen Hochschulen sprechen«, sagt Ebel-Waldmann. »Und doch steckt inhaltlich oft der identische agrarökonomische Abschluss hinter den verschiedenen Titeln.« Aktuell arbeitet der VDL an einer Datenbank, die das Studienangebot in Deutschland erfasst und vergleichbar machen soll. Demnächst geht das Projekt auf der VDL-Homepage online.

Zu den größten Arbeitgebern von Agrarökonomen zählt die Landtechnikindustrie – große Fahrzeug- und Maschinenhersteller wie John Deere oder die Nutzfahrzeugsparte der Daimler AG. Weil viele dieser Unternehmen in Schwellenländern wie China und Russland neue Märkte erschlossen haben, verfügen sie über volle Auftragsbücher. »Deshalb sucht die Landtechnikindustrie in Deutschland im Moment händeringend nach Agrarökonomen«, so VDL-Vorstand Ebel-Waldmann. Aber auch große Agrarhändler wie die Münchener BayWa AG oder die Agravis AG in Münster gehören zu den großen Jobgebern für Agrarökonomen. Diese Unternehmen betreiben internationale Rohstoffeinkäufe und handeln mit Kakao, Soja oder Getreide. »Gerade weil diese Unternehmen sich so dynamisch entwickeln, sind dort die Aufstiegsmöglichkeiten für Agrarökonomen exzellent«, sagt Markus Ebel-Waldmann. Nachwuchskräften empfiehlt er deshalb, schon während des Studiums mehr General- Management-Themen abzudecken. »Die Verantwortung des Einzelnen in den Unternehmen wird immer größer«, sagt er. Es schade deshalb nicht, als angehender Agrarökonom auch die Themen Risikomanagement oder Controlling zu beackern.

Dass viele Agrarökonomen auch in der Finanzwirtschaft unterkommen, betont Prof. Dr. Birgit Schulze, die an der Universität Kiel am Institut für Agrarökonomie ›Agribusiness Management‹ lehrt. »Dort sind die Agrarökonomen in der landwirtschaftlichen Betriebsberatung tätig.« Überhaupt gewinne der Dienstleistungssektor als Jobquelle an Bedeutung, während die klassischen Einsatzfelder wie Produktion und verarbeitende Industrie ihre frühere Vormachtstellung nach und nach abgeben. »In der Dienstleistungsbranche arbeiten Agrarökonomen zum Beispiel auch als Produktmanager oder Marktforscher«, berichtet Birgit Schulze. »Als Zukunftsbranchen für Agrarökonomen gelten der Bioenergiesektor sowie die Landtechnikindustrie.« Viele Jobs für Agrarökonomen würden gar nicht erst ausgeschrieben, weiß die Professorin. »In Unternehmen sind die Hochschulstandorte mit den jeweiligen Spezialisierungsrichtungen bekannt, und man nimmt frühzeitig Kontakt mit dem Nachwuchs auf.« Viele Jobs kämen über Praktika oder Abschlussarbeiten zustande.

So war das auch bei Martin Strobl und der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft.

»Während der Erstellung meiner Diplomarbeit war am LfL-Institut für Agrarökonomie eine auf drei Jahre befristete Projektstelle ausgeschrieben. Allerdings war ich zu dieser Zeit noch nicht auf Stellensuche, sondern wurde von einem meiner Professoren persönlich darauf hingewiesen und dafür empfohlen«, erzählt der Biogasanlagen-Experte.

Unmittelbar nach Studienabschluss begann Strobl seine Tätigkeit an der LfL, nach vier Jahren bekam er dann das Angebot für die derzeitige Daueranstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Wer so umworben werde wie derzeit die Agrarökonomen, könne das Auswählen der Jobangebote auch in Ruhe und abwägend genießen, rät VDLVorstand Markus Ebel-Waldmann dem Nachwuchs: »Betreiben Sie ruhig ein bisschen cherry picking!«


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