Ökonom Prof. Dr. David Stadelmann
Ökonom Prof. Dr. David Stadelmann privat

Interview mit Ökonom Prof. Dr. David Stadelmann

Im Interview spricht der politische Ökonom Prof. Dr. David Stadelmann über Migration, Wahlen

und die Ökonomie von Schulden

Herr Professor Stadelmann, Sie sind bereits mit 29 als Professor berufen worden. Wie bewährt man sich als Twentie-Something unter Kollegen, die quasi Professoren wurden, als Sie erst geboren wurden?
Fremdbewertung ist normalerweise verlässlicher als Selbstbewertung. Daher richtet sich diese Frage wohl eigentlich eher an meine Professoren-Kollegen. Aber vom eigenen Gefühl her würde ich sagen, dass alles sehr gut läuft: Ich publiziere kontinuierlich in begutachteten, internationalen Fachzeitschriften, die Studenten bewerten meine Lehrleistung als sehr gut, ich bin Mitherausgeber einer guten wissenschaftlichen Zeitschrift und die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist auch hervorragend.

Für welche volkswirtschaftlichen Fragestellungen sollten sich Studenten begeistern?
Mehr strukturiertes, ökonomisches Denken ist gut für die Welt und die Instrumente der Ökonomie lassen sich auf sehr viele Fragestellungen anwenden. Dafür will ich auch die Studierenden begeistern und sie sollen lernen systematisch in ökonomischen Konzepten zu denken und bestehendes Wissen und Vorstellungen zu hinterfragen. Ich fordere da die Studierenden auch bewusst heraus. So sollen sie aktiv nachdenken, warum zum Beispiel Kinderarbeit in Entwicklungsländern nicht einfach ohne neue negative Konsequenzen für die Kinder und deren Familien verboten werden kann oder sie sollen verstehen, dass Steuern nicht notwendigerweise jene belasten, die sie bezahlen.

Auf Pump leben ist für Bund und Länder attraktiv. In einem Artikel argumentieren Sie, dass sich diese Verschuldung auf Immobilienpreise niederschlägt. Staatsschulden sind gleichzeitig en vogue. Wieso verschulden wir uns also ständig?
Da haben Sie es schon: Schulden belasten auch nicht notwendigerweise jene, die sie machen. Wir haben gezeigt, dass sich Staatsschulden auf Immobilienpreise auswirken. Der entscheidende Mechanismus kann am einfachsten anhand einer Gemeinde erklärt werden. Wenn sie ihre Ausgaben mit Schulden finanziert, bedeutet das höhere zukünftige Tilgungs- und Zinszahlungen. Diese bedingen eine zukünftige Leistungseinschränkung oder eine Erhöhung der Abgaben. Beides senkt die zukünftige Attraktivität der Gemeinde als Wohn-, Arbeits- und Produktionsort. Eine geringere Attraktivität bedeutet wiederum eine geringere Nachfrage nach Immobilien und damit tiefere Immobilienpreise. Öffentliche Schulden stellen also keine reine Umverteilung zwischen der heute lebenden und zukünftigen Generationen dar. Vielmehr bewirken sie eine Umverteilung zwischen heutigen Immobilienbesitzern und heutigen Mietern. Das erklärt dann mitunter auch, warum gewisse Personengruppen, eben Immobilienbesitzer, eher für weniger Verschuldung sind, während man bei Mietern das tendenziell weniger beobachtet.

Welche Bedeutung hat die Forschung des diesjährigen Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften Angus Deaton für die Entwicklungsökonomie?
Dank Angus Deaton wissen wir heute wirklich mehr in der Ökonomie. Er versteht es, große Datensätze auszuwerten und seine Arbeiten haben geholfen, neue Kennzahlen für die Messung von Armut zu entwickeln. Interessant ist auch, dass er in seinem viel beachteten Buch relativ schön belegt, wie freie Märkte bei guten Institutionen zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen beigetragen haben. So wurde etwa durch Marktliberalisierung und Offenheit sowie politische Stabilität eine Milliarde Chinesen aus der Armut befreit, Lebenserwartung und Einkommen sind angestiegen.

Der Wirtschaftsnobelpreis ging bis auf wenige Ausnahmen an US-Forscher. Was lässt die Wirtschaftsforschung der USA so herausragen? Ja, der Wirtschaftsnobelpreis geht offenbar bevorzugt an ältere, weiße Männer, die in den USA lehren. Einige wenige Universitäten in den USA machen sicher weltweit Spitzenforschung und schaffen es auch, die hellsten Köpfe anzuziehen. Das ist so in Ordnung, denn wir alle profitieren von guter Grundlagenforschung. Mit zunehmender Internationalisierung der ökonomischen Forschung gehe ich aber davon aus, dass in ein paar Jahren bald mehr Wirtschaftsnobelpreise in Europa und Asien vergeben werden.

Ein Schnittpunkt zwischen den USA und Ihrer Forschung wäre auch das Wahlverhalten, mit dessen Beeinflussungen Sie sich ausführlich beschäftigt haben. Inwiefern spielt wirtschaftliche Ungleichheit überhaupt noch eine Rolle für das Wahlverhalten der US-Bürger?
Mit politischen Entscheidungen und dem Wahlverhalten der Bürger habe ich mich die letzten Jahre viel auseinandergesetzt. Allerdings finde ich, dass man das nicht für die USA machen sollte, denn das ist einfach ein verrücktes Land, von dem man nur beschränkt etwas lernen kann. Viele Ökonomen in Europa befassen sich mit Institutionen in den USA oder Fragen, die fast nur für die USA wichtig sind. Das soll man besser den Amerikanern überlassen. Meines Erachtens können wir von unseren Nachbarn und uns selbst viel mehr lernen. Ich analysiere zum Beispiel den Erfolg der Schweiz, aber auch den Erfolg Bayerns. Unsere ganz aktuellen Untersuchungen mit einzigartigen Daten für die Schweiz zeigen zum Beispiel, dass relativ reiche Bürger von gewählten Politikern tendenziell besser vertreten werden als relativ arme Bürger. Einkommensungleichheit spielt daher in der Demokratie eine Rolle. Diese Ergebnisse lassen sich auch auf andere Industrie- und Entwicklungsländer übertragen.

Nicht wenige Bundestagsabgeordnete haben eine Zeit in der Bundeswehr verbracht. Sie haben sich damit beschäftigt, welchen Einfluss ein militärischer Hintergrund auf politische Entscheidungen hat. Was für ein Unterschied ließ sich feststellen?
Das ist ein sehr interessantes Projekt. Militärische Entscheidungen und Fragen der nationalen Sicherheit stehen derzeit hoch im Kurs. Wir haben mit modernen empirischen Methoden genau angeschaut, wie der Militärhintergrund von Politikern auf deren Entscheidungen wirkt. Das ist eine wichtige Frage der politischen Ökonomie. Es zeigt sich, vielleicht nicht ganz überraschend, dass Politiker, die eine Militärausbildung beziehungsweise Wehrpflicht abgelegt haben, viel stärker pro Militär entscheiden als jene, die keinen militärischen Hintergrund haben. Wir zeigen aber gleichzeitig, dass dies ein reiner Motivationseffekt ist: Militärbegeisterte machen eher Militärdienst und sind auch eher pro Militär. Diese Forschung ist wichtig, um Konflikte besser zu verstehen und in zahlreichen Ländern besteht heute noch die Wehrpflicht.

Sie haben sich auch mit Gründen und Folgen der internationalen Migration nach Deutschland beschäftigt: Was kann der aktuelle Zustrom an Flüchtlingen für unsere Wirtschaft bedeuten?
In einem Artikel zu Migration nach Deutschland hatte ich darauf hingewiesen, dass Deutschland in Zukunft mit einer größeren Zahl von Migranten rechnen müsse, da es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ stabile öffentliche Finanzen hat und die Lebensqualität gut ist. Mit dem enormen Flüchtlingsstrom hatte ich natürlich auch gerechnet. Teile des Flüchtlingsstroms können von der deutschen Wirtschaft gut aufgenommen werden und das kann auch dazu beitragen, unsere Wirtschaftsleistung insgesamt und auch pro Kopf zu erhöhen. Es ist aber notwendig, dass die Bürokratie um den Mindestlohn reduziert wird und der Mindestlohn für die Zeit der Integration für alle ausgesetzt wird: Ansonsten sehe ich keine systematische Integrationsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt, außer für ein paar syrische Chirurgen. Da dies politisch derzeit nicht durchsetzbar ist, müssen wir wohl leider stattdessen auf andere schlechte, bürokratische Lösungen setzen. Schade für unser Wohl und jenes der Flüchtlinge.

Ihr Forschungsinteresse zeigt: Ökonomie heißt Vielfalt. Inwiefern trägt die Ökonomie auch Verantwortung, Problemlösungen zu den großen Herausforderungen unserer Zeit zu liefern?
Gute Ökonomie kann dazu beitragen, die Welt ein bisschen zu verbessern und Probleme unserer Zeit zu lösen. Daher braucht es mehr ökonomisches Denken und nicht weniger, sowohl in Gesellschaft, Wirtschaft und insbesondere in der Politik. Meine Kollegen und ich versuchen da, auf verschiedene Art und Weise einen Beitrag zu leisten, nämlich mit guter Forschung und guter Lehre. Das macht mir Spaß und Freude und ich hoffe natürlich, dass meine Forschungsergebnisse noch etwas mehr Einfluss auf die relevanten Entscheidungsträger haben werden.


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