WiWis in NGOs
WiWis in NGOs Susann Städter / Quelle:PHOTOCASE

WiWis in NGOs

In Non-Profit-Organisationen arbeitet es sich nicht komplett anders, aber immer für einen guten Zweck

 

Die Luftfeuchtigkeit ist durchsetzt von Bier, Schweiß und Freudentränen. Auf der Festivalbühne spielt deine Lieblingsband. Es gibt kein Halten mehr – nur ein Innehalten: In diesem Moment der Freude und Ausgelassenheit bittet dich doch tatsächlich jemand um eine Spende für sauberes Trinkwasser in Uganda. Genug Geld bist du schon für das Festivalticket und den Bierbecher, den du soeben geleert hast, losgeworden.

»Was ist wahrscheinlicher: Du rennst zurück zum Zelt, um dein Portemonnaie hervorzukramen oder du entscheidest dich, deinen Pfandbecher in die bunt bemalte ›Viva con Agua‹-Tonne zu werfen? Dabei triffst du sogar noch den berühmten Basketballkorb über der Tonnenöffnung«, beschreibt Claudia Gersdorf von Viva con Agua perfekt inszeniertes Marketing. Marketing für die gute Sache.


Viva con Agua bezeichnet sich selbst als ›All-Profit-Organisation‹, denn nicht nur Hilfsprojekte, sondern auch Helfer und Spender sollen sich freuen können. Während sich Viva con Agua auf das Motto ›Alle für Wasser - Wasser für alle‹ konzentriert, sind die Themenfelder bei anderen Non-Profit-Organisationen recht breit gestreut. Non-Profit heißt dabei, dass es im Unternehmen nicht um die Erwirtschaftung von möglichst viel Gewinn für die eigene Tasche geht.

»Klar: Wer nur auf ein dickes Gehalt, Firmenwagen und Dienstreisen in der Business Class scharf ist, sollte die Karriereleiter eher nicht im NGO-Bereich hochklettern«, gesteht Andreas Winkler von foodwatch, einer nicht gewinnorientierten Organisation, die der Lebensmittelindustrie auf die Finger guckt.

Der Nachwuchs ist auch NGOs keinesfalls egal, wie Winkler zu berichten weiß: »Es gibt Aufstiegs- und mittlerweile auch gute Einstiegsmöglichkeiten in der Szene. Vermehrt bieten Organisationen auch Trainee-Programme für Absolventen an. Auch bei foodwatch gibt es immer wieder Trainee-Stellen im Bereich Marketing, Kampagnen oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.« Steffen Küßner, Leiter Pressestelle und Webteam bei Oxfam, glaubt ebenfalls nicht an den ausgebeuteten Mitarbeiter in Hilfsorganisationen: »Bescheiden muss man nicht sein, sondern sollte schon erwarten, dass seine Arbeit angemessen entlohnt wird. Für wen allerdings Geld die Hauptmotivation zum Arbeiten ist, der oder die ist bei einer NGO sicherlich nicht richtig aufgehoben.«
 

Profit kann ja nicht alles sein!

Denn den Mitarbeitern einer NGO geht es häufig um viel mehr, wie auch Winkler von foodwatch weiß:

»Viele Absolventen möchten nach Jahren des Studiums ihr Wissen, ihre Energie und ihre Lebenszeit in einen Job investieren, für den sie auch mit ihren persönlichen Überzeugungen einstehen können – und bei dem es nicht nur darum geht, etwa Aktienkurse oder Absatzzahlen nach oben zu treiben.«

Steffen Küßner von Oxfam gibt einen guten Überblick über die Vielfältigkeit in der Tätigkeit für Non-Profit-Unternehmen:

»Im Bereich Kampagnen- und Lobbyarbeit geht es darum, politisch Einfluss zu nehmen – etwa durch Gespräche mit Politikern oder öffentliche Aktionen. Im Projektbereich setzen Kollegen gemeinsam mit Partnern vor Ort langfristige Entwicklungsprojekte um. Und das Fundraising entwickelt Strategien, wie wir unsere Finanzierungsgrundlage stärken und mit unseren Unterstützern Kontakt halten. Daneben gibt es den ganzen Bereich der Kommunikation, also Social Media, Webseite, Pressearbeit und Publikationen.«


Natürlich finden sich in den Organisationen auch Jobs, die es in gewinnorientierten Unternehmen ebenso gibt: »Nicht zu vergessen sind diejenigen, die den ganzen Betrieb am Laufen halten, wie die IT, die Finanzbuchhaltung oder das Personalwesen. Die Shop-Referenten koordinieren die bundesweit 49 Oxfam-Shops, in denen mehr als 2.900 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut erhaltene Secondhand-Artikel verkaufen«, so Küßner. Bei Viva con Agua gibt es beispielsweise unter anderem eine zusätzliche GmbH mit neun Mitarbeitern, die Mineralwasser vertreibt.
 

David gegen Goliath?

Obwohl sehr sinnorientiert, ist nicht jeder Tag automatisch ein Erfolg:

»Frustrierende Momente kennt wahrscheinlich jeder, der in einer politischen NGO arbeitet. Aber wenn wir hier verzweifeln würden, könnten wir unsere Arbeit aufgeben. Letztlich überwiegt das Gefühl, für etwas Wichtiges einzutreten. Und wir können auch immer wieder Erfolge im Sinne der Verbraucher erzielen«, erklärt Andreas Winkler von foodwatch.

»Eines haben wir erreicht: Sehr viel mehr Menschen verstehen Essen mittlerweile als politisches Thema.« Gefragt ist eine Lebensmittellobby, denn:

»Es reicht eben nicht allein, wenn jeder einzelne sich bemüht, bewusst einzukaufen. Wir brauchen auch endlich bessere politische Regelungen – beispielsweise zur Tierhaltung, für eine klare Gentechnik-Kennzeichnung auf Lebensmitteln oder zur Hygiene in der Gastronomie. Solche Veränderungen müssen politisch erkämpft werden.«


Auch beim international agierenden Verbund Oxfam wird versucht, auf die Politik positiven Einfluss auszuüben: »Nicht alle Politiker hören auf die Heerschar von hochbezahlten Wirtschaftslobbyisten, sondern viele auch auf uns, weil wir glaubwürdig sind. Dieses Vertrauen ist unser größtes Kapital.« Vertrauen ist aber nicht die einzige Waffe im Kampf gegen Ungerechtigkeit: »Humor hilft bei manchen Themen unsere Kampagnenziele deutlich zu machen«, sagt Andreas Winkler von foodwatch. Herzblut ist auch gut: Claudia Gersdorf startete ihre NGO-Karriere, indem sie sich selbst zu einem Kaffee ins Berliner Büro von Ärzte ohne Grenzen einlud. Jetzt, so sagt sie, arbeitet sie bei Viva con Agua in ihrem Traumjob. Schon mit Zwölf wusste sie:

»Ich möchte einmal die Welt positiv verändern!«


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