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Energiewende … wo bist du?

Wir beleuchten für euch die aktuelle Energiebranche.

 

Facts and Figures

 

#1

Fachkräfte in der Solar- und Windenergiebranche werden momentan händeringend gesucht. Die Nachfrage hat sich seit 2019 sogar fast verdoppelt. Am häufigsten werden Dachdecker in der Solarbranche benötigt.

 

#2

Die größten deutschen Konzerne, die bei der Energiewende nicht wegzudenken sind: Siemens Energy, das Essener Unternehmen E.ON und RWE, einer der weltweit größten Produzenten von Wind- und Solarstrom.

 

#3

Die meiste Energie verbrauchte 2022 in Deutschland die Chemische Industrie. Danach folgte die Metallbranche und schließlich die Mineralölverarbeitung.

 

55 % machte 2023 der Anteil des Nettostroms aus Erneuerbaren Energien aus. Davon wird 25,5 % aus Wind onshore und 11,9 % aus Solarenergie gewonnen.

 

49 % der Haushalte wurden 2023 mit Gas beheizt. Danach kommt Öl (23 %) und Pellets, Holz, Kohle oder Flüssiggas (4 %).

 

Bis zu 98 % des Stroms wird in Uruguay aus Erneuerbarer Energie, hauptsächlich aus Wind-energie, bezogen. Somit hat das Land die Energiewende erreicht.

 

 

2023 war ein ereignisreiches Energiejahr für Deutschland. Erstmals haben die erneuerbaren Energien die Kohle in den Schatten gestellt. Darunter war die Windkraft der wichtigste Energieträger. Doch daraus kann man keine allgemeinen Aussagen darüber treffen, ob Wind- oder Solarenergie produktiver ist. Letztes Jahr war ein sonnenarmes Jahr, woraus man schließen kann, dass es anstelle von schönem Wetter viel Wind und Regen gab. Insgesamt scheinen sich Solar- und Windenergie sehr gut zu ergänzen. Über die Hälfte der Nettostromerzeugung wurde von den Erneuerbaren Energien produziert. Ein weiterer Grund dafür, dass die Kohle überholt wurde, ist ihr teurer Preis und die daraus resultierenden Sparmaßnahmen in den Haushalten sowie der Import von Strom aus anderen Ländern. Nach erfolgreichen Jahren als Exportmeister kauft Deutschland nun mehr Strom aus dem Ausland als das Land exportiert.

Obwohl der Verbrauch in Europa und den USA rekordverdächtig gesunken ist, können wir (noch) nicht aufatmen. Weltweit ist der Kohleverbrauch nach Schätzungen der IEA 2023 noch nie so hoch gewesen. Dies lege größtenteils an China als Hauptverbraucher der weltweiten Kohleproduktion. Dennoch soll laut der Internationalen Energieagentur (IEA) dieses Land auch weltweit erheblich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beitragen.

 

Here comes the SUN!

»Der Solarbereich ist eine Zukunftsbranche, er ist dynamisch und innovationsgetrieben«, so Tristan Kleeb, Leiter des operativen Kundenlösungsgeschäfts bei E.ON Energie Deutschland. Dort ist er unter anderem für den Vertrieb, die Installation von Solardachanlagen sowie für die Planung von Solarparks zuständig.  »Aktuell passiert zum Beispiel im Bereich der intelligenten Vernetzung unheimlich viel. Wir verbinden die früher getrennten Bereiche Strom, Wärme und Mobilität mit intelligenter IT.« Für den Einstieg in die Photovoltaik empfiehlt Kleeb Studiengänge im Maschinenbau, gerne mit Energieschwerpunkt, Wirtschafts- und Bauingenieurwesen oder in der Umwelt- und Verfahrenstechnik. Besonders gesucht seien Ingenieure für Produktentwicklung, Systemdesign, Projektmanagement und -entwicklung sowie Qualitätssicherung. »Die Photovoltaik ist Umfragen zufolge die beliebteste erneuerbare Energie«, meint Kleeb. »Ihre Vorteile liegen auf der Hand: Sie lässt sich praktisch beliebig skalieren – vom Balkonkraftwerk bis zum Solarpark. Photovoltaik ist etabliert und lohnt sich bei fast allen Häusern als Dachanlage finanziell für die Besitzer.«

Mehr Menschen zu einer eigenen Solaranlage verhelfen und eigenen Strom zu produzieren, möchte auch Markus Hemrich, der Balkonkraftwerke entdeckte. »Nur die wenigsten Menschen in Mietwohnungen haben die Möglichkeit, große Photovoltaikanlagen zu montieren. Völlig unverständlich war für mich, warum so wenig Balkone dafür genutzt werden, um eigenen Strom zu erzeugen und bares Geld zu sparen. Schon bald stand mein Ziel fest, die Technologie der Balkonkraftwerke bekannter zu machen.« Mit dieser Vision gründete er das Start-up Balkonstrom. Die kleinen Solaranlagen können eigenständig und an vielen Stellen montiert werden. Ob als Solar-, Energietechnik-, Elektro- oder Maschinenbauingenieur, der Einstieg in den Bereich Photovoltaik bietet nach Hemrich eine breite Palette an Tätigkeitsbereichen. Da oftmals eine Kundenberatung erforderlich ist, sind gute Kommunikationsfähigkeiten von Vorteil. Als eine der größten Herausforderungen bei der Solarenergie sieht Tristan Kleeb die aufwendigen Genehmigungen bei Solarparks. Balkonstrom-Gründer Hemrich sieht bei Balkonkraftwerken Zweifel an der Speicherung der erzeugten Energie. Obwohl es bereits einige Speichersysteme gebe, seien diese aus seiner Sicht technisch nicht ausgereift und kostspielig. »Angesichts der Tatsache, dass nicht immer die gesamte produzierte Energie sofort verbraucht werden kann, ist es wichtig, zuverlässige Lösungen zur Speicherung überschüssiger Energie zu entwickeln«, so Hemrich. Er ist dennoch zuversichtlich, dass die Solarenergie stets an Bedeutung gewinnen wird und auch mit Blick auf deren Speicherung Fortschritte machen wird. »Die Effizienz von Solarzellen steigt kontinuierlich, während die Kosten für die Installation von Solarsystemen sinken. Dies macht Solarenergie im Vergleich zu herkömmlichen Energieträgern immer wettbewerbsfähiger.« 

 

Wind of Change

Um den Kohleausstieg zu erreichen, sollten wir lieber Windräder drehen lassen, anstatt Däumchen. Dass die Energie aus Wind effektiv ist, haben bereits die Statistiken aus dem Jahr 2023 bewiesen. Onshore Windenergie, die sich an Land befindet, ist die preiswerteste Form von Strom aus erneuerbaren Energien. Bereits nach fünf Monaten holen die Anlagen, die für ihre Herstellung nötige Energie wieder herein. So erzeugt eine Windenergieanlage während ihrer 20-jährigen Laufzeit bis zu 70 Mal so viel Energie, wie insgesamt für ihre Herstellung, Nutzung und Entsorgung benötigt wird. Darüber hinaus ist es erschwinglich, Windräder zu errichten. 80 Prozent der Windenergieanlagen werden in Kooperation mit Genossenschaften, Stadtwerken oder Eigentümergemeinschaften betrieben, sprich sie sind nicht abhängig von Großkonzernen. Gegen das Argument, die Anlagen würden Vögel und Fledermäuse töten, spricht eine gute Standortwahl und Vermeidungsmaßnahmen wie Abschaltzeiten zu Jagdzeiten der Fledermäuse. Für den Bau von Windkraftanlagen gibt es mehr Aspekte zu beachten, als den ingenieurwissenschaftlichen Bereich, weswegen das Gesamtpaket der Angestellten stimmen sollte.

Von Vorteil sind laut Mirco Groth von Nordex Grundkenntnisse in Informatik sowie die Bereitschaft, sich in neue Themen wie in die Programmiersprache reinzufuchsen, die sich im Laufe der Zeit häufig ändert. Auch sind ein wirtschaftliches Know-how und daher auch wirtschaftlich orientierte Studiengänge wie beispielsweise Wirtschaftsingenieurwesen zu empfehlen. Durch sein Studium in Energie- und Umweltmanagement stieß Mirko Groth in Flensburg auf einen der weltweit größten Hersteller von Windturbinen als er in Kooperation mit Nordex seine Masterarbeit schrieb. Dies war sein Einstieg als Werkstudent. Seit 2021 ist er Leiter des globalen Produkt Managements. Groth sieht die Windenergie als eine der wichtigen Säulen der Energiewende. Dennoch muss sie sich bestimmten Herausforderungen stellen. In vielen Ländern müssten beispielsweise die Genehmigungen beschleunigt werden, außerdem brauche es für Windparks einen ausreichenden Netzausbau. »Allgemein lässt sich aber sagen, dass Windenergie kostenseitig wettbewerbsfähig bleiben muss und das auch in Zeiten hoher Inflation, Preissteigerung von Rohstoffen und höheren Preisen für Logistik«, erkennt Groth. Daher hätten wir noch einiges zu tun. Generell müssten für die Energiewende auch die politischen Rahmenbedingungen passen und Konzepte für Energiespeicher kommerziell attraktiv werden. Insgesamt ist Groth gemeinsam mit Nordex der Annahme, dass Windenergie den Grundstein für die Energiewende legt. Ob wir die Energiewende in bereits zehn Jahren erreichen, zweifelt er an, dennoch sieht er es optimistisch und meint, dass sie zu schaffen ist, wenn wir uns beeilen und uns darum bemühen.

 

Wasserstrudelkraft!

Die Erde ist ein Planet, der so vor Energie strotzt. Der Ozean ist schließlich ständig durch die Gravitationskraft von Sonne, Erde und vor allem dem Mond in Bewegung. Gemeint sind damit die Gezeiten wie Ebbe und Flut, die Meeresströmungen und die Wellen. Aus dieser Bewegung lässt sich Energie gewinnen. Zwar liegt die Forschung etwa 20 Jahre hinter der Windkraft zurück und die Nordsee in Deutschland ist zu flach und hat zu wenig Strömung, doch welt- und auch europaweit gibt es bereits vielsagende Projekte, die viele Arbeitsplätze schaffen werden. Die deutsche Forschung auf diesem Gebiet gehört außerdem zur Weltspitze. Welche Technik sich durchsetzen wird, bleibt noch offen. Dennoch scheint es von Ideen, aus der Wasserenergie Strom zu produzieren, nur zu sprudeln! Benjamin Tupaika ist bei Vattenfall im Bereich Wasserkraft in Deutschland in der Geschäftsführung als Prokurist tätig. Bei ihm steht die strategische Arbeit im Zentrum – zur Weiterentwicklung des Kraftwerksparks, der Dammsicherheit, des Arbeits- und Gesundheitsschutzes als auch der internen Kompetenzen und erforderlichen Servicepartner. »Über die einzelnen Fachabteilungen hinweg werden Ingenieure im Bereich Maschinenbau, Stahlwasserbau, Wasserbau, Starkstrom, Leittechnik, Schutztechnik und Netzwerktechnik gebraucht. Alle Ingenieure, aber insbesondere die Netzwerktechniker müssen eine starke Affinität zum stetigen Lernen haben, da dies einer der Bereiche mit der höchsten Dynamik hinsichtlich gesetzlicher Vorgaben und Produktentwicklungen ist. Aber auch die zunehmende Digitalisierung in allen Fachbereichen bietet vielfältige Möglichkeiten, denen man sich nicht verschließen darf«, so Tupaika. Nur durch einen aktiven und täglichen Austausch zwischen den  betreffenden Kollegen können Trends erkannt und »optimale« Entscheidungen für einen verantwortungsvollen und wirtschaftlichen Betrieb getroffen werden.

Die Vattenfall Wasserkraft GmbH ist hauptsächlich im Bereich Pumpspeicherung unterwegs. Die Anlagen sind sehr große Akkus, die nach Tupaika in wenigen Minuten 2.500 MW aus dem Netz entnehmen oder auch einspeisen können. Neben MW und MWh stellt Vattenfall noch Systemdienstleistungen und nicht frequenzgebundene Leistungen dem Netz oder den Netzbetreibern zur Verfügung. Auch im Falle eines Blackouts können die Anlagen mit ihrer Schwarzstartfähigkeit helfen, Netze wieder aufzubauen. Aus diesem Grund sieht Tupaika Vattenfall als den idealen Partner für die erneuerbaren Energien und als einen wichtigen Baustein für das Gelingen der Energiewende. »Die Weisheit, wie sich die Energiebranche in der kommenden Dekade entwickelt, hätte sicherlich jeder gern. Hier spielen insbesondere politische und regulatorische Weichenstellungen eine wesentliche Rolle. Wichtig sind vor allem ganzheitliche Betrachtungen des Energiesystems und nicht punktuelle Eingriffe. Damit ist zum Beispiel die Erfordernis eines angemessenen Netzausbaus gemeint, wenn eine zunehmende Dezentralisierung der Stromerzeugung angestrebt wird. Ein Kohleausstieg ist sicherlich denkbar, wenn man diesen nicht nur beschließt, sondern konzentriert und zielgerichtet mit allen Akteuren plant und entsprechende Maßnahmen rechtzeitig realisiert«, so Tupaika.

 

Pump it up!

Energie aus dem Herzen der Erde zu beziehen, hat viele Vorteile. Es bedarf wenig Platz und es fallen keine weiteren Transportbewegungen an, da die Energie regional bezogen wird. Im Neubau sind Wärmepumpen mittlerweile die mit Abstand beliebteste Wärmequelle. Wie und wo wir im Untergrund vorhandene Erdwärme nutzen können, ist Forschungsgegenstand von Prof. Dr. Bastian Welsch, der an der HS Bochum Professor für Geothermie ist. Zugleich ist er Mitglied des Bundesverbands Geothermie e.V. (BVG) und auch im dortigen Fachausschuss »Junge Geothermie« engagiert. Dieser richtet Wettbewerbe für junge Wissenschaftler aus, die ihre Abschlussarbeit zum Thema in Form eines Posters vorstellen möchten. Im Hinblick auf Studiengänge gibt es laut Prof. Dr. Welsch eine Schnittstelle mit den Naturwissenschaften, da eine ausreichende Kenntnis über den Untergrund nötig ist. Ansonsten empfiehlt er unter anderem Bohrtechnik oder (Gebäude-)Energietechnik und verweist auf die »Bibliothek« auf der Website des BVG, die passende Studiengänge auflistet. Prof. Welsch betont den Fachkräftemangel in der Geothermie. Allein in der oberflächennahen Bohrung fehle es an 6.000 Fachkräften.

Jan Küpper ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Teilnehmer des Doktorandenprogramms am Fraunhofer IEG. Dort arbeitet er an der netzdienlichen Regelung von Wärmepumpen. Sein Arbeitsalltag besteht zum Großteil aus seinem Promotionsprojekt. Konkret arbeitet er an einem Modell des thermischen Verhaltens einer Wärmepumpe in der Programmiersprache Python. »Bei uns ist eine Vielzahl von ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen vertreten wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Verfahrenstechnik, Mechatronik, Wirtschafts- und Umweltingenieurwesen. Es ist schwer, eine Empfehlung abzugeben, da sich die Anforderungen je nach Themengebiet unterscheiden. Ich denke, es ist sinnvoll, über Wahlfächer, Vertiefungen und Abschlussarbeiten Erfahrung im angestrebten Bereich zu sammeln.« Zudem bemerkt Jan Küpper, dass für fast alle wissenschaftlich Arbeitenden Programmiererfahrung notwendig ist. Es sind zwar keine fortgeschrittenen Kenntnisse erforderlich, jedoch sollte man Erfahrung mitbringen, wobei sich die Anforderungen je nach Bereich unterscheiden. Über die Geothermie wägt er ab: »Geothermie spielt als erneuerbare Energiequelle eine wichtige Rolle in der Energiewende. Besonders vorteilhaft ist ihre Umweltfreundlichkeit sowie ihre unabhängige Verfügbarkeit von Jahreszeiten und Klima des Standorts. Herausforderungen stellt neben der Wirtschaftlichkeit auch der Genehmigungsprozess dar. Zusätzlich ist die Geothermie nicht an jedem Standort ausreichend verfügbar, was ein Risiko darstellt.« Prof. Dr. Bastian Welsch ist zuversichtlich: »Bei der Bereitstellung von Wärme, die über 50 Prozent unseres Endenergiebedarfs ausmacht, kann und wird die Geothermie einen entscheidenden Beitrag leisten. Studien zufolge könnten mehr als 65 Prozent dieses Wärmebedarfs aus geothermischen Quellen gedeckt werden.«

 

 

»Ohne Wasserstoff wird es keine Energiewende geben.«

Dr. Heinrich Lienkamp, Mitbegründer der H2BZ-Initiative

 

H2er mit dem Stoff

Warum Wasserstoff ein wichtiger Bestandteil der Energiewende ist, erklärt unter anderem Dr. Heinrich Lienkamp. Er gründete mit seinen Mitstreitenden die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Initiative Hessen e.V., in welcher er für die Industrie und die Energieversorgung zuständig ist. Der studierte Chemieingenieur kann für den Eintritt in die Wasserstofftechnologie Studiengänge in Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Mess- und Regeltechnik empfehlen. Birte Sönnichsen vom Deutschen Wasserstoff-Verband (DWV) betont, dass die Diversität verschiedener Arbeitsplätze in der Wasserstoffbranche groß sei. Sie hat im Bachelor Wirtschafts- und im Master Umweltingenieurwesen studiert und leitet beim DWV die Abteilung Strategie und Marktentwicklung. Ihr Arbeitsalltag ist von politischen Geschehnissen und Veranstaltungen, aber auch von Analysen, Projektarbeiten und Berechnungen geprägt. Sie ist sich sicher: »Wasserstoff wird die entscheidende Rolle bei der Sektorenkopplung einnehmen, indem die Erzeugung, Speicherung und die Anwendung in allen Sektoren dafür sorgen kann, fossile Energieträger zu ersetzen und die Transformation aller Sektoren hin zu erneuerbaren Energien voranzubringen und zu ermöglichen.«

Lienkamp erklärt: »Eine Energieversorgung, die hier im Wesentlichen auf volatile Energieträger gegründet ist, muss für Zeiten, in denen nicht ausreichend erneuerbare Energie vorhanden ist, ein Speicher- und Transportmedium zur Verfügung haben. Für großskalige Anwendungen muss dies ein geeigneter chemischer Speicher sein. Der leicht herstellbare Wasserstoff kann das leisten. Im industriellen und auch im energetischen Bereich wird dieser seit über 100 Jahren erfolgreich eingesetzt. Die Technik und die geeigneten Materialien sowie die Sicherheit sind bekannt und auch erprobt. Auch für den Transport sind Wasserstoffleitungen im Hinblick auf Kapazität und Speicher um nahezu eine Größenordnung überlegen.« Als Herausforderung sieht Sönnichsen die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit von Wasserstoff. Es müssten konkrete wirtschaftliche und planungssichere Rahmenbedingungen für größere Projekte implementiert werden. Für Dr. Lienkamp besteht die Herausforderung in Bau und Inbetriebnahme der Erzeugungsanlagen für die erneuerbaren Energien und den Speicher- und Energieumwandlungssystemen. Dennoch sieht er in Wasserstoff die Zukunft: »Ohne Wasserstoff wird es keine Energiewende geben, deshalb muss darin investiert werden.«

 

Unbe-leaf-able!

Pflanzenkohle kann vielseitig eingesetzt werden: Sie reduziert Lachgas-Emissionen in landwirtschaftlich genutzten Böden, kann Grundwasser vor Nitratbelastungen schützen und unsere Böden an Wetterextreme anpassen. Die Idee, verkohlte Biomasse im Boden einzusetzen geht auf die Ureinwohner Südamerikas zurück, die durch Fermentation organischer Materialien gemischt mit Pflanzenkohle eine äußerst fruchtbare Schwarzerde (Terra Preta) erzeugten. Erst in den 90er Jahren konnte die Pflanzenkohle als eine Komponente dieser fruchtbaren Böden identifiziert werden. Jannis Grafmüller, Doktorand an der Hochschule Offenburg forscht am Ithaka Institut zur Herstellung und Anwendung von Pflanzenkohle. Diese wird aus Biomasse wie Landschaftspflege-holz oder Stroh hergestellt. »Wird die Biomasse während der Pyrolyse unter Sauerstoffausschluss auf 400-900 °C erhitzt, entsteht Pflanzenkohle, in der noch circa 50 Prozent des Kohlenstoffs aus der Biomasse enthalten ist. Die Kohlenstoffbindungen in der Pflanzenkohle sind resistenter gegenüber mikrobiellem Abbau verglichen mit der Biomasse, aus der sie hergestellt wurde. So bleibt der Kohlenstoff in Form der Pflanzenkohle der Atmosphäre langfristig entzogen, solange die Pflanzenkohle stofflich genutzt wird. Diese kann dann in der Landwirtschaft oder in Verbundwerkstoffen wie Beton genutzt werden«, so Grafmüller. Dadurch könne ein aktiver Beitrag geleistet werden, um den Klimawandel abzuschwächen. Pflanzenkohle ist kein Subsitut für fossile Braun- und Steinkohle, sie wird demnach nicht energetisch verwertet.

Jedoch sind Pyrolyseanlagen, in denen die Pflanzenkohle hergestellt wird, Kraftwerke und können dadurch einen Beitrag zur Energiewende leisten. Im Pyrolyseprozess entsteht neben der Pflanzenkohle auch Pyrolysegas und -öl, welche durch Verbrennung in erneuerbare Wärme und Strom umgewandelt werden, aber auch stofflich genutzt werden können. »Ingenieure sind bei der Entwicklung moderner Pyrolyseanlagen gefragt, sowohl im verfahrenstechnischen Bereich als auch im Bereich des Maschinenbaus und der Mechatronik. Zudem ist die Integration von Pyrolyseanlagen in die Energieinfrastruktur von Städten oder Unternehmen ein wichtiges Aufgabenfeld. Auch für die Verwertung der bei der Pyrolyse entstehenden Produkte sind Ingenieure gefragt«, erklärt Grafmüller. Studiengänge, die auf Ingenieurtätigkeiten bei Herstellern und Betreibern von Pyrolyseanlagen vorbereiten, sind laut Grafmüller beispielsweise Chemieingenieurwesen, Energietechnik, Mechatronik oder Maschinenbau. Als Vorteil von Pyrolyseanlagen sieht er die wetter- und tageszeitunabhängige Bereitstellung von erneuerbarer Energie. »Gleichzeitig wird während der Erzeugung der Pflanzenkohle eine Kohlenstoffsenke und damit Negativemissionen erzeugt, ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderer erneuerbarer Energien.« Jedoch müssten für die Herstellung der Pflanzenkohle geeignete Restbiomasseströme identifiziert werden. Für die Pyrolyse müssten in Zukunft auch zusätzliche Biomassen angebaut werden. »Der Kohleausstieg, zumindest für Deutschland, ist beschlossene Sache und die wegfallende Leistung wird weitestgehend durch erneuerbare Energien in Kombination mit Speichertechnologien kompensiert werden. Pyrolyseanlagen werden sicherlich eine größere Rolle bei der Energiewende spielen, sie werden aber die Energiebereitstellung nicht revolutionieren, da hierfür schlicht die Biomasseströme in Deutschland fehlen. Unternehmen und Städte werden in Zukunft die Pyrolyse mehr in Betracht ziehen, um Biomasserestströme sinnvoller zu verwerten, und auf lokaler Ebene Kohlenstoffsenken zu schaffen«, so Grafmüller.

 

 

Fäkalwärmeproduktion

 

Biomasse ist quasi unerschöpflich. Ihre jährliche Produktion aus  Holz, Energiepflanzen, Stroh, Biogas und vielem mehr übersteigt unseren Bedarf an Energie um das Fünf- bis Sechsfache. 2050 könnte sie 23 Prozent des Energiebedarfs decken. Zudem ist auch ein Import von Biomasse aus dem Ausland möglich, was aufgrund ihres hohen Aufkommens weniger Schwierigkeiten verursacht als bei den fossilen Energieträgern. Dr. Laura Luhede, Produkt- und Marketingmanagerin bei Hitachi Zosen Inova Biomethan GmbH sieht bei Bioenergie den Vorteil gegenüber den anderen erneuerbaren Energien, da sich Biogas berechenbar produzieren, regional errichten, speichern und besonders vielseitig nutzen lässt. Dr. Luhede betont, dass sich Biogas nicht nur zur Stromerzeugung, sondern auch als Erdgassubstitut oder Biomethan für Wärme und Kraftstoff eignet. »Bisher produzieren knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland größtenteils Strom. Eine Umrüstung auf Biomethan- beziehungsweise Kraftstofferzeugung bietet großes Potenzial für die Energiewende. Je mehr Energie innerdeutsch produziert wird, desto weniger Importe sind nötig und umso mehr CO2 wird durch kürzere Transportwege eingespart. Das bei der Gasaufbereitung abgespaltene CO2 lässt sich auch für Industrieanwendungen nutzen. Das ersetzt das Gas fossilen Ursprungs und fördert die Dekarbonisierung«, erklärt Dr. Luhede. »Für die Biogaserzeugung lassen sich alle möglichen Substrate zur Vergärung nutzen, darunter Gülle und Mist, Lebensmittelabfälle aus Gastronomie und Handel, Reststoffe aus der Nahrungsmittelindustrie wie Molkereien und Brauereien, Haushalts-Bioabfall und Grünschnitt. Das maximiert die Verwertung vorhandener Ressourcen und reduziert Entsorgungskosten.«

Wenn Sonne und Wind fehlen, sind Rohstoffe und Abfälle immer noch vorhanden. Biogas ist daher ein wichtiger Bestandteil der Energiewende, der für eine kontinuierliche Produktion sorgt. Neben den für die erneuerbaren Energien üblichen Herausforderungen kommt bei Biogas die sogenannte Teller-Tank-Diskussion hinzu. Hier geht es darum, ob der Anbau von Energiepflanzen mit dem Anbau zur Nahrungs-und Futtermittelproduktion konkurriert. Dr. Laura Luhede ist bei HZI für drei Produktlinien im Bereich Gasaufbereitung in Europa zuständig. Sie hat den Überblick über den aktuellen Marktbedarf, um ein Produkt definieren zu können, ein entsprechendes Businessmodell zu entwickeln und um die Technologien von HZI zu platzieren. Nach einem Studium in Verfahrens-/Prozesstechnik, Elektrotechnik/Elektronik oder Maschinen-/Anlagenbau kannst du im Bereich Biogas einsteigen. Mögliche Berufe gibt es im Anlagenbau oder der Weiterentwicklung der Bestandsanlagen, Einstiegspositionen im Engineering, insbesondere als Projektingenieur Verfahrenstechnik oder als Konstruktionsingenieur. Vielmehr als IT-Kenntnisse sind laut Luhede eine Hands-on-Mentalität im Umgang mit Hard- und Software sowie ein solides allgemeines Verständnis gefragt. Außerdem sind Kommunikationsfähigkeit, unternehmerisches Denken, gute Sprachkenntnisse, Kreativität und Belastbarkeit erwünscht.

 

Become the Master of Energy!

 

»Energy Science and Engineering« kannst du als interdisziplinären Master an der TU Darmstadt studieren. Dort erlernst du alles zu erneuerbaren und konventionellen Energien sowie zu deren technologischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, zur Ressourcenlage und zur Klimaentwicklung. Dein Studium kannst du individuell ausrichten und du hast Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen. Anschließend stehen dir Forschung, Industrie und Verwaltung offen, in denen du deine erworbenen Kenntnisse im technischen und gesellschaftlichen Verständnis sowie in der ingenieurwissenschaftlichen Umsetzung anwenden kannst. www.tu-darmstadt.de

Der fakultätsübegreifende und interdisziplinäre Master »Zukunftsfähige Energie- und Umweltsysteme« an der HS Bremen orientiert sich an den drängenden Fragen der Zeit: Transformation des Energiesystems sowie der Notwendigkeit eines zirkulären Wirtschaftens. Im Schwerpunkt Energiesysteme stehen neben der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien die Verteilung, Speicherung und räumliche und wirtschaftliche Einbindung ins System im Fokus. Anschließend können die Studierenden in die Energieversorgung, in den Anlagenbau, in Ingenieur- und Planungsbüros, Entsorgungs- und Recyclingunternehmen, Wasser-, Abwasser- und Bodenverbände sowie in kommunale, nationale und internationale Behörden, Institutionen und in die Forschung gehen. Der Fachkräftebedarf ist in allen Bereichen sehr hoch und kann kaum gedeckt werden. Prof. Dr.-Ing. Silke Eckardt 

www.hs-bremen.de


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