Magnifying glass placed on maps
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Follow your heart – Berufseinstieg bei NGOs

Die Gute Sache ruft. Wie arbeitet sich's bei NGOs?

Klar, Geld verdienen muss sein. Aber wäre es nicht toll, wenn du als Wiwi durch deine Arbeit auch noch etwas Gutes bewirken würdest? Viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) suchen nach Einsteiger*innen mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund. So hat zum Beispiel Luise Freitag ihren Traumjob gefunden: Sie arbeitet im Fundraisingteam bei foodwatch. Der gemeinnützige Verein setzt sich mit den Rechten von Verbraucher*innen und der Qualität von Lebensmitteln auseinander und wurde 2002 vom ehemaligen Greenpeace-Geschäftsführer Thilo Bode gegründet. Wieso Luise Freitag sich entschieden hat, bei einer NGO zu arbeiten? »Ich kann mich stark mit den Werten und Zielen von foodwatch identifizieren – stärker, als das bei vorherigen Unternehmen der Fall war«, erklärt sie. Ausschlaggebend für den Karriereschritt bei der kleinen gemeinnützigen Organisation war für Freitag auch das offene und familiäre Arbeitsklima: »Diese Atmosphäre entsteht auch dadurch, dass die Geschäftsführer sehr greifbar und geradlinig sind.«

In einem ganz anderen, jedoch ebenso nicht profitorientierten Feld arbeitet Brent Schroeyens. Er ist europäischer Repräsentant von Hope for the Day, einer Organisation, die sich auf Selbstmordprävention konzentriert. Mithilfe von Kunst, Musik, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über psychische Gesundheit möchte die NGO Gefährdeten eine Stimme geben und Hilfe anbieten. »Vor fünf Jahren habe ich einen guten Freund durch Suizid verloren, das war ein herber Schlag für mich und unseren Freundeskreis«, erzählt Schroeyens.

Drei Wochen später besuchte er ein Metalkonzert in Antwerpen, bei dem der Gründer von Hope for the Day eine Bandpause nutzte, um über psychische Gesundheit aufzuklären. Schroeyens war davon so berührt, dass er Kontakt aufnahm und beschloss, sich der Organisation anzuschließen. »Seitdem arbeite ich von Belgien aus als Kontaktperson für unsere ›Agents of Impact‹ und koordiniere Events in Europa. Aktuell arbeite ich mit meinem Team daran, die Organisation in Europa mehr auszuweiten und dadurch mehr Menschen helfen zu können.« Auch Parisa Shahyari war als Wirtschaftswissenschaftlerin auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit. Lange war sie als Finanzanalystin bei einer großen Bank, im Politikbereich und im Solarsektor tätig. »Zunehmend hatte ich das Gefühl, das ist es nicht. Ich will mit meinem Wissen mehr zum Positiven verändern. Ich möchte mich identifizieren können mit dem, was ich tue und wofür ich es tue.« Sie stieß auf eine Stellenanzeige des WWF, einer der größten internationalen Organisationen für Naturund Artenschutz. »Gesucht war jemand mit Kenntnis vom Finanzsektor und dem dazugehörigen politischen Umfeld. Das passte«, erinnert sich Shahyari. Heute ist sie Senior Advisor for Sustainable Finance bei der NGO und arbeitet auf verschiedenen Ebenen an einem zukunftsfähigen Finanzsystem. »Finanzflüsse haben einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Lebensgrundlage, auf Ökosysteme und auf das Weltklima«, so Shahyari. »Ich arbeite zum Beispiel an einem Bankenrating für Deutschland. Es geht darum, ob die Banken Umwelt- und Klimaschutz ausreichend in ihren Geschäftsprozessen und Produkten verankern.«

Es gibt viele zufriedenstellende Aspekte für Wirtschaftswissenschaftler*innen in Nichtregierungsorganisationen. Gut dotierte Arbeitsstellen gibt es für Wiwis, die Karriere machen möchten, in Deutschland zu Hauf. Doch das positive Empfinden, hinter dem Gesamtkonzept des Arbeitgebers stehen zu können und das Gefühl zu haben, durch seine Tätigkeit einen wertvollen Beitrag in der Welt zu liefern, überwiegt für viele. Hinzu kommt für Luise Freitag eine offene Atmosphäre, in der es sowohl Raum für gewinnbringende Ideen als auch für Kritik gibt. »Die Kommunikation bei foodwatch ist sehr direkt. Daran gekoppelt sind eher flache Hierarchien, die einem erlauben, seinen Arbeitsbereich aktiv mitzugestalten«, freut sich Freitag.

Auch bei Hope for the Day ist die Möglichkeit, offen reden zu können, der Schlüssel für Brent Schroeyens Arbeit. »Es geht nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, Menschen zu ermutigen, offen zu sein. Lieber sorge ich dafür, dass ein Mensch in einer Menschenmenge von Tausenden seine Einstellung zu Selbstmordgedanken ändert und für seine mentale Gesundheit kämpft, als dass ich Menschen irgendwelche Produkte verkaufe.« Bei aller Motivation und positiven Erfahrungen innerhalb seiner Arbeit als europäischer Repräsentant der NGO gibt es natürlich auch herausfordernde Momente. »Die Menschen wieder loszulassen, die ihre Gedanken mit mir geteilt haben, und darauf zu vertrauen, dass sie sich auch weiterhin Hilfe suchen, ist für mich persönlich der schwierigste Teil meiner Arbeit.« Luise Freitag von foodwatch kümmert sich um Wirtschaftlichkeitsberechnungen, das Versenden von Newslettern, die Betreuung ihrer Mitglieder sowie um Marketinganalysen. Auch hier verbergen sich Stolpersteine: »Herausfordernd ist die Genauigkeit und Präzision, die beachtet werden muss, damit sichergestellt werden kann, dass die Daten zu hundert Prozent korrekt sind.« Auch das Finanzmodell, das NGOs klassischerweise verfolgen, ist manchmal schwieriger als in anderen Unternehmen. »Als unabhängige Organisation nimmt foodwatch kein Geld vom Staat und der Lebensmittelindustrie an. Wir sind darauf angewiesen, dass uns Menschen als Fördermitglieder unterstützen«, erläutert Freitag. Damit die Planung ihrer Arbeit funktioniert, braucht die NGO also verlässliche Prognosen, wie sich die Anzahl der Mitglieder entwickeln wird. Als Kehrseite der offenen Kommunikationskultur sieht Freitag außerdem, dass manchmal lange Entscheidungswege und eine gewisse Art der Inflexibilität entstehen können.

»Unternehmen müssen umdenken – Business as usual ist keine Option mehr.« Parisa Shahyari, Senior Advisor Sustainable Finance bei WWF Deutschland

Parisa Shahyari von WWF freut sich über die Auswirkungen, die ihr Job zur Folge hat: »Meine Kollegen und ich können aktiv zu einer Verbesserung der Lebenssituation für Menschen und Tiere auf diesem Planeten beitragen – das motiviert ungemein.« Jedoch birgt gerade der Finanzsektor besondere Herausforderungen. »Wir bohren in dicke Bretter und erreichen unsere Ziele nicht von heute auf morgen.«, erzählt Shahyari. Gerade diese ›dicken Bretter‹ seien es, die die Senior Advisor for Sustainable Finance als besonders herausfordernd betrachtet. »Mich frustriert mitunter, wenn große und relevante Akteure Nachhaltigkeit weiterhin als ein Nischen- oder Modethema betrachten und ihre Geschäftsmodelle nicht ausreichend ändern – obwohl klar ist, dass ›Business as usual‹ keine Option ist, denn damit zerstören wir unsere Lebensgrundlagen.« Nichtsdestotrotz ist die Finanzexpertin zuversichtlich: »Ich nehme bei all dem auch wahr, dass sich Unternehmen und Banken, die in Bewegung kommen, mehren.«


 

Warum tust du das?

NGO-Mitarbeiter*innen erklären, was sie motiviert

Offen kommunizieren

»Besonders viel Freude an meinem Job bereiten mir Datenanalysen und die Abteilungen, die sich daraus schlussfolgern lassen. Außerdem ist die Zusammenarbeit in unserem kleinen Team sehr angenehm und es gibt Raum für Diskussionen, Anregungen, Kritik und Ideen.« Luise Freitag, Fundraisingteam und Mitgliederbetreuung bei foodwatch

Das Stigma brechen

»Ich liebe es, wie wir Menschen helfen und ihnen Hoffnung bringen können. Wir ermutigen sie, selbstbewusst zu sein und über ihre Probleme zu reden. Es geht mir nicht ums Geldverdienen, sondern darum, ein Stigma zu bekämpfen: Darüber zu reden, wie man sich wirklich fühlt. Wenn jemand fragt: ›Wie geht‘s dir heute?‹, ist es okay, auch mal zu antworten, dass es dir nicht so gut geht oder du eine schwere Zeit durchmachst.« Brent Schroeyens, europäischer Repräsentant von Hope for the Day

Die Welt verbessern

»Auch wenn es nicht immer leicht ist, seine Ziele umzusetzen: Die Lebenssituation von Mensch und Tier zu verbessern, motiviert ungemein. Bei allen Herausforderungen tragen der Enthusiasmus meiner Kollegen und die positive Kultur im Haus ungemein dazu bei, dass mir meine Arbeit Spaß macht und ermutigt mich immer wieder.« Parisa Shahyari, Senior Advisor Sustainable Finance bei WWF Deutschland


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